3/03/2011

Junkie, William S. Burroughs

Rein damit. Hier. Schwierig ist es, weil so sehr kurz und herb. Jede Zeile zählt: im Vergleich zu Naked Lunch, wo dank cut-up-Technik gern mal eine Vulgarität unter'n besudelten Tisch fallen kann, gibt es hier eine fix nach vorn tretende Geschichte. Der Erzähler, einst unter Pseudonym und Deckname verhuscht, pflegt seine Gewohnheiten - und ihm selbst ist vieles enorm klar und schlüssig, wie das so oft ist im modernen Leben. Der Leser muss sorgfältig seinen Worten folgen. Wenn das Ich einen seiner vielen erklärenden Absätze beginnt, setzt es sich gegen eine virtuelle Journalistenmeute zur Wehr, die dem Junkie i. A. einiges nach- und andichtet. Die hier gelieferten "Fakten" sind teils banal, teils viel schlimmer als vermutet. Welcher Horror ist schlimmer, der sensationsfixierte oder der alltägliche ("authentische")? Vielleicht ist es vor allem die letztlich eiskalte, zweckmäßige Stimme von Burroughs, die schlimmer wiegt als all der Ekel und die Verachtung. Ist das noch Provokation? Es ist eine Geschichte von einem radikalen Anderswo, das zufälligerweise die gleichen Geographien hat wie das "normale" (nüchternere) Leben der Mehrheit. Das Schockieren ist hier niemandes Intention. Und das verstört nachhaltig.

Fünf Jahrzehnte soll das Ding auf dem dünnen Rücken haben, und somit lag dem Konsum auch eine mehrfach redigierte, komplettierte und angepasste Version vor. Sehr aufschlussreich dabei das Vorwort, dass Penguin hier hinterlassen hat, denn die Publikationsgeschichte selbst trägt zum Charakter dieses Klassikers bei. Seltsam, wie wenig sich auf diesem ertragreichen Markt der illegalen Substanzen getan hat. Das bessere (andere) Leben durch (spezielle Bio-) Chemie dürfte ohne Burroughs nicht so abgründig illustrierbar sein. Könnte daran der infizierte Volkskörper genesen oder ist das hier nur finstere Propaganda?

2/27/2011

The Human War, Noah Cicero

Zwischendurch ein wenig Hassmanagement, diesmal in Form einer fluffigen Novelle mit zwei Kurzgeschichten hintendran. Da wirft die mächtigste Armee der Welt Bomben auf Bagdad (die pro Stück teurer sind als ganze irakische Stadtviertel) und der Ich-Erzähler kommt ins Schwadronieren. Ablenken will er sich im kleinen Amerika, und er schafft es nur teilweise mit all den Mitteln der Zivilisten. Biochemie und Kapitulation bestimmen dieses Vorgehen.

Formal wird hier nicht viel aufgebaut, es sind vor allem kleine Dialoge, die den state of mind der mindlessness erörtern. Von wegen Sprachlosigkeit und so. Die Trostlosigkeit der Texte hier ist unbeugsam und seltsam unzynisch. Das bleibt vielleicht am längsten im Gedächtnis: die Inkonsequenz des Einzelnen inmitten der Inkompetenz der Massen.

Mit The Human War kann man sich für keinerlei Geburtstagsfeiern einmenscheln.

2/26/2011

True Grit, Ethan & Joel Coen

Das hier in noch besserer Darreichungsform. Ein Fest, welches die gute Seite der Massenkompatibilität beleuchtet. Western geht immer! Und dieser besonders: es gibt keinen Gary Cooper sondern nur angebrochene Lumpen, deren Motivationen sich kurz überlagern und dann verknoten. Licht am Ende des Tunnels (eigentlich an dessen Anfang, da sie ja am Ende in selbigen hineinstürzt) ist die nicht frühreife sondern schlichtweg resolut-erwachsene junge Dame, die nach Gerechtigkeit und Ordnung strebt. "How old ARE you, anyway?" fragen die verblüfften Erwachsenen ihre vermeintlich Schutzbefohlene.

Ein Fest. Erst nach dem Konsum von King's Speech kann man verstehen, dass dieser Coen nicht so erfolgreich bei den Oscars war wie NCFOM, einem weiteren Surrogat der Western-Formel. Die Konkurrenz war einfach zu gut. Diese simple Logik hat auch im verwilderten (Mittleren) Westen Gewicht.

2/23/2011

Bright Lights, Big City, Jay McInerney

Tja. Hier. In der zweiten Person Singular geschrieben - das ist ja schon einmal einprägsam, weil selten. Kurz auch - da kann man dann schneller dem Finale entgegenfiepen. Theoretisch. Denn eigentlich ist diese Novelle recht spannungsarm: es geht eben um "Dich", den Lohnsklaven mit einem seltsamen Bürojob im Manhattan der Gegenwart und eben ist die Model-Frau weggelaufen. Dazu noch der übliche Mist mit Eltern und Kollegen. Einige Drogen werden auch genommen: aber der blurb auf der Frontseite hat dies ein wenig überbewertet. Alle viel zu nüchtern hier!

McInerney hat mit diesem Textlein seinen Job als Autor begründet. Aber warum? Da muss man noch eines seiner Werke lesen, um das zu beantworten. Vielleicht war BLBC wirklich nur zur rechten Zeit beim richtigen Verlag. Der Trend ging in den 1980ern ja einmal wieder Richtung urbane Einsamkeit.

Tja.

2/21/2011

Downers Grove, Michael Hornburg

Erst Hausaufgaben machen. Dann: "Hat hier jemand das Werktagsmenü 'white trash' bestellt?" Hornburg serviert es bündig, ohne Besteck und mit einigen Referenzen. In der Mitte vom Nichts (hier) wird ein Mädchen älter und navigiert durch eine Welt voller drive-ins, malls und generationsübergreifender Ödnis. Hier könnte man eine rhetorische Phrase bezüglich "Tempolimit" einfügen.

Die Heldin Chrissie ist jung und kurz vorm Schulabschluss. Bildungsromantik stellt sich nicht wirklich ein da recht fix eine Autobatterie durch eine Frontscheibe fliegt. Vielleicht ist dieser Roman für junge Erwachsene gedacht - das könnte passen. Denn trotz all dem Unfug um sie herum beeindruckt Chrissie durch Entschlossenheit. Sie lässt sich nicht ganz von dem Müll am Straßenrand verschlucken.

BE Ellis wird von der Protagonistin erwähnt - ihre Freundin hat ihn als Hausaufgabe auf, zusammen mit Coupland und Foster Wallace. Er soll am Drehbuch sitzen. Könnte passen. Juno 2, zygotenfrei?

2/16/2011

Disturbing the Peace, Richard Yates

Gleich noch eins. Yates hat auch Revolutionary Road geschrieben und ist fast schon als Spezialist für den toten Punkt in der Mitte des vergangenen amerikanischen Jahrhunderts zu sehen. Hier geht es vor allem ums Saufen. Der Held tut dies oft und oft auch gern und will nicht davon lassen. Zu Beginn des Buches der Schock: man lässt ihn ins staatliche Sanatorium einfahren und am gesammelten Ekel einer Rauschgesellschaft teilhaben. Nichts wie weg! An die Theke vielleicht...

Am Ende wird tatsächlich nur der Frieden gestört, nämlich der der anderen. Irgendwann ist ein notorischer Alkoholiker nur noch Last und Makel - deshalb darf er in einer Anstalt, einer künstlich befriedeten Zwangsoase, seinen eigenen Frieden finden und den der anderen nicht stören.

Yates macht es einem schwer. Dem Helden schreibt er weder nur Versagen noch bloße Opferrolle zu. Wie bei so vielen Substanzmissbrauchsgeschichten ist es die Heilandlosigkeit, die weit nach der Lektüre noch beunruhigt und verstört. Es wäre interessant herauszufinden, ob und wie realistisch die Darstellung der am Rausch beteiligten Institutionen ist. Die AA scheinen eine der traditionsreichsten Glaubensgemeinschaften der USA zu sein. Des Friedens willen.

2/13/2011

The Passage, Justin Cronin

Licht aus, Infektionsalarm. Hier die Propaganda. Es gibt also vampirähnliche Mutanten, die kränkelnde Menschen ersetzen und dann den nordamerikanischen Kontinent (Kontamination, Eindämmung, EPA, FEMA, etc.) vor gewisse Herausforderungen stellen. Los geht es in der nahen Zukunft, in der die Grundlage des Dramas langsam inkubiert und der Schlüssel zur Heilung (freilich ein Mädchen, eine Opfermaid, eine Reinheitsjungfer) vorgestellt wird.

Fast forward und man ist im postapokalyptischen Wüstenreich; die wenigen Überlebenden leben von alten Batterien, die das Flutlicht um die Stacheldraht-Kraale ermöglichen. Ein neuer Schwung wüster Protagonisten führt die Geschichte dann fort. Ein gutes Strandbuch. Viele Seiten hin und her, und es geht immer nur nach vorn. Die Blutrünstigkeit hält sich leider in Maßen und die Menschen sind für ihre desolate Lage noch viel zu freundlich.

Das erste von dreien soll dies sein: als Trilogie macht das ganze Sinn, zumal der Leser nie erfährt, was denn nun eigentlich mit dem Alten Europa passiert ist. Bunker, Bomben, Ballastmanagement? Die Filmrechte wurden sehr fix verkauft und da gehört Cronins Mär wohl auch hin: in das groß budgetierte Hollywoodkino. Megan Fox könnte den weiblichen MacGuffin spielen.

2/05/2011

Exit Through the Gift Shop, Banksy

Hier. Auch bald.

Schon sehr bezeichnend, das man hier gar nicht mehr zum Verfassen einiger windiger Konsumerinnerungsfetzen kommt. Derlei Hektik kennt der Held dieses Films auch. Er beginnt als Banksy-Fan und Dokumentationswilliger mit Kamera und Energie und Begeisterung für sogenannte Straßenkunst und schraubt sich irgendwann (selbst?) zum näxten großen Ding in der art slut community. Irgendwann macht Banksy dann das vorliegende Dokument daraus. Du bist das Produkt. Jeder Markt ist essentiell parasitär, und das darf man nicht gleich mit Ungeziefer gleichsetzen. Mit dem Zerfall von Hoch- und Niedrigkultur bleibt nur die (neonfarbene, pechschwarze) goldene Mitte.

Und in der Mitte, da steht ein Tresen. Hier kreuzen sich die Wege von Materie und $.

Es wird Kunst gemacht, und zwar in Bezug zu $. Zum einen Straßenkunst. Die kann man nicht mitnehmen. Die besteht aus Vandalismus. Die stellt sich dem $ eigentlich streng entgegen. Aber man sollte nie die Rafinesse des $ unterschätzen: diese Kunst, dieser graffitiinspirierte Besudelungs-stencil-mania-Kult wird irgendwann was alle wollen. Hat sich denn nach Warhol gar nichts getan? Sein Echo scheint Grundfrequenz geworden zu sein.

Das ist eine Dokumentation. Die Menschen geben an, echt zu sein. Banksy selbst besticht durch Anonymisierung, wie man das von ihm gewohnt ist. Ganz großes, weil einzigartiges und erhellendes, Kino. Sehr erklärend, ohne in Pessimismen zu verfallen.

2/04/2011

Point Omega, Don DeLillo

Bis hin zum Endpunkt. Hier.

Wieder so ein knappes Ding, und wieder eher eine skelettierte Kohleskizze als knorpeliger Ölschinken. Da ist also der Weise vom Berg in der Wüste. Ein alter Mann, der die Militärtheorie in ihrer Dynamik und ihrer meldetechnischen Breite verstanden hat. In der Wüste schwitzt er nun herum und ein jüngerer Mann möchte ihn interviewen, seine Perspektive auf das bleierne zwanzigste Jahrhundert wahrscheinlich konservieren und verstehen.

Ah, die Kamera. Fast die Gleiche wie in Americana. Sie soll für den Journalisten (Erinnerer? Autor? Inspektor?) dabei Mittel zum Zweck sein. Maschinenaugen waren die Welt des alten Mannes - eine zivile Maschinenaugenkultur bevölkert die Lebensgrundlage des jungen Mannes. Tochter und love interest kommt in die Wüste, verschwindet... und lässt die beiden Herren spekulierend und driftend zurück, in der dann noch leereren Wüste.

Gerahmt ist die Handlung von einer Videoinstallation (derweil im MoMa, hu?): Hitchcock's Psycho in der ultra-entschleunigten Version. Dieser Verweis ist fast schon zu simpel. Vielleicht kennt der Autor den Künstler und will ihm was gönnen?

Freilich passiert nicht viel. Aber so etwas wie Bedeutung beschleunigt sich von allein. Wie bei der Kamera: eigentlich ist es nur Licht (und Ton), das flackert. Endliche aufgezeichnete Frequenzen. Aber trotzdem lungert da ein ganzer Horizont zwischen bloßen Daten und dem Unding, das man Wissen nennt. Und Wissen ist freilich nicht das gleiche wie Verstehen. Ist da etwa etwas humanistische Rührung beim Mr. DeLillo?

Assassin's Creed, Ubisoft

Warum das so erfolgreich ist, kann nur erahnt werden: es wird wie Proto-Batman durchs Mittelalter geschwungen, inklusive Prügelsequenzen und Fassadenhängerei. Einen Utensiliengürtel gibt es und eine wortkarge Kapuzenhuscherei.

Aber es wird nicht Nacht. Und die Aufträge sind immer gleich strukturiert. Die Tötungen sind hübsch animiert, aber nicht anatomisch genug. Die verdammten Bettler in Jerusalem und anderswo rennen zwischen einen selbst und den anvisierten Taschendiebstahl. Für das Erdolchen der Bettler wird man auch noch ermahnt. Ha! Gut, dass es diese sanfte SciFi-Rahmenhandlung gibt - allein im Staub der Kreuzzüge ist die vorhersehbare Geschichte doch arg behäbig. Insgesamt war es aber spannend genug für's Durchspielen. Teil zwei soll vieles besser machen. Mal sehen. Dann haben sich auch hoffentlich die verflixten Kreuzzüge erledigt, ähem.

2001: A Space Odyssey, Stanley Kubrick

Ja, der. Die Strahlkraft von diesem Produkt von 1968 hat zur Aura jener Zahl beigetragen. Auf der einen Seite der "Jetztgehtslos"-Chor, der schon die Besiedelung vom Uranus fiebrig ersehnt, fix ausgebremst durch radikalen Kubrickismus. Auf der anderen Seite die Unterhaltungswilligen, die erst im nächsten Jahrzehnt mit Star Wars das Raumreisevokabular lernen. Auch jene bremst der Film aus, indem er genüsslich in Dunkelheit startet und mit Einstein endet. Lob gebührt schon allein der Tonspur. Wie könnte man sich sonst Strauss aussetzen, in aller Makroskopie, wenn nicht durch das Kino in selbigem? Und Nietzsche im Schafsfell hat auch noch Platz. Aufgenommen wurde der Faden dieses Über-Produktes unter anderem freilich von noch so einem Nicht-Amerikaner: Space Oddities allerorten.

Da wird abgehoben, losgereist, geeiert und getrieben - doch dass da mal eine Düse donnerte und die Gravitation besiegt hat, wird nur vorausgesetzt (Bowie thematisiert sie wenigstens konkret, die Beschleunigung): vom Knochen zur Raumstation, vom einen gewichtsarmen Ort zum nächsten. Der Konsument ist irgendwo dazwischen gefangen, Optimisten wähnen sich weit weg vom Knochen. Da kann man stundenlang weiterfabulieren und die ganzen Siebziger haben das wohl auch getan.

1/31/2011

Butterfly Effect, Eric Bress & J. Mackye Gruber

Wenn bei Comicserien die Vorgeschichten zu kompliziert werden, wird ge-retcon-t. Aufgeräumt wird da. Abläufe werden verkürzt, Säume gestutzt und Dramen kondensiert. Nicht so bei der Serie, die Leben heißt: wer aktiv zurückgeht und die Dinge richten will, hat immer die furchtbare Gegenwart im Kopf, die es irgendwie zu richten gilt.

Das ist die Diktatur von Wenn-Dann. Das ist der Glaube an das Gehirn, dass die Differenz zwischen Realitätsausschnitt und Gesamtkomplexität vergisst. Ein sehr schöner Film, eine Einführung ins Ursachendenken.

Die Idee trägt den ganzen Film, welcher nicht mit spezifischer Kinematographie die Dinge verkompliziert. Wer den hier mag und das Thema interessant findet, darf dann auch 21 Gramm schauen. Da wird weniger umhergejettet, aber die Gegenwart wird von der Wenn-Dann Architektur aufgesaugt. Quasi eine Art Butterfly Effect für (Z)Erwachsene.

Black Swan, Darren Aronofsky

Es schwingt und kracht und keiner singt und lacht. Die erste Assoziation zu "Ballett im Film" ist nachwievor ein schwarzweißer Schwank aus den 1950ern im süddeutschen Grenzland mit Schauösterreichern und Heesters wie er swingt. Dazu Orangenkekse bei Oma.

Das hat sich aber jetzt geändert, denn es wird an der Metamaschine gedreht: auf der Bühne ist hinter der Bühne und Rolle heißt Berufung. Der Stern strebt in die eiskalte Einsamkeit und willwillwill alles überstrahlen: Schikane auf diesem Weg ist allerdings die Auseinandersetzung (die Einladung) einer dunkleren Seite, eines Gegenstücks. Nur mit zwei gleichen Hälften wird ein Ganzes erreicht und die Summe der Teile erhebt sich in existentiellem Mehrwert (bzw. Nährwert für die gierige Dauerkartenklientel).

Wunderbar geradlinig Aronofsky setzt es um: den Hochglanz vertreibt er mit schartiger Optik, die kalkige Hähne und ungekämmte Passanten beinhaltet. Er lässt die wundervolle einzig wahre und entzückende Frau Portman die Rolle mit mehr als nur theatralischem Seufzen ausfüllen. Der Leib lebt. Man hätte hier auch eine Lobhudelei an die alte Welt mit dem "reinen" Hollywoodglamor versuchen können: die alte (vielleicht stagnierende?) Kunst des Balletts könnte für Elitismus und Aufgeräumtheit herhalten. Aber nein: hier geht es sowohl um den Tanz als auch die Tänzer, um das wechselseitige Drama von Ausdruck und Eindruck.

Und jetzt The Wolverine. Es bleibt also alles im Schizozirkus.

1/27/2011

Call of Duty: Modern Warfare 2, Infinity Ward

Premiere! Endlich Krieg im Konsumgraben. Endlich etwas Echtes. CODMW2 ist eines von vielen erfolgreichen Ego-Shooter-Kriegsspielen. Ist es auch eine Kriegssimulation? Keine Ahnung, Krieg gibt's nur im Fernsehen, aber nie mit so gutem Ton wie hier. Der originale Krieg soll ja ziemlich ernüchternd sein. Kein Strom, keine smoothies und keine Wasserspülung. Miese Akustik da draußen. Kaum Resonanzen. Auch kein Platz für Sarkasmus, dort.

Wunderbarerweise ist das Spiel ein Spiel und lässt Clausewitz herein aber das Humanistengedünkel draußen. Zur Sache, meine Herren.

Eine konsumierbare Posse mit autoritären Zügen - kann man das über Krieg, das Spiel, oder beides sagen? Jedenfalls geht es um die frischesten Möglichkeiten der Kriegsführung, vom snipen bis zum snuffen und kurz vor der rail gun. Das ist echt, das ist real, das ist da draußen. Wir machen keinen Mist, deine Mudda darf Aliens jagen und Gangster austüten aber wir machen was echt Echtes. Es ist alles auf Cinemascope 2.0, auch der daily news feed. Augen auf, Mund zu. Mit Aggression hat das wenig zu tun - und damit gewinnt man auch nichts. Im Krieg ist das bestimmt genau so. Das Echte zählt. Dies ist kein Kinderkram. Sprinten oder Zielen, man muss sich entscheiden, so muss es sein! Go Army, da hast du was Echtes, was Reales, eine Ausbildung oder Rentenanspruch und Krankenversicherung. Was zählt, ist die Mission: der stete Wechsel der Spielfigur stellt die 'warfare' in den Vordergrund. Das einzig Wahre halt.

Die Szenerien sind international und bekannt: es geht von Bohrinseln bis in die Schützengräben vor dem weißen Haus. Die beige Totale namens Desert Storm gibt es natürlich auch. He, hat der echte Curtis Jackson da am Soundtrack (insgesamt ist der von Hans Zimmer) mitgemacht? Ah, im voice acting. Eine echte Signatur. Der Verweis ist klar: wozu hat der Humvee sonst einen iPod-Halter?

Die sogenannten Antikriegsfilme hatten ihre Zeit - die nahmen nämlich an, dass es die Reinen und die Unwissenden gibt, die dann Schwerter zu Pflugkatalogen schmieden. Firlefanz. Keiner ist unschuldig. Warum auch? Unschuld ist ein Merkmal von langfristiger Langeweile und dafür hat nun wirklich keiner Zeit. Das bringt einen zu einer Bemerkung zur Zielgruppe: die Jugend will sich von der Unschuld entledigen. Und deshalb ist dieses Spiel ein Werbespiel für den größten Jugendverschicker der Welt, der fast jeden nimmt und fast jeden Körper zum Zermalmpotential addieren kann. Wer in Dumbstuck, Iowa, sitzt, will mit großen Steinen werfen. Kann man jedenfalls mutmaßen. Und die Maschinen hier sind echt, echt teuer und echt wunderschön. Gewinnendes Design, quasi.

Die Geschwindigkeit ist enorm. Und die Erzählung nutzt das aus: Anweisung rechts, links, zack, friendly fire, huch, links, rechts, nachladen, daneben, zack, Granate werfen, Deckung. Da wird auch Schneemobil und Schlauchboot gefahren. Hauptsache schnell.

Wunderschön die Weltall-Perspektive. Atompilz von oben. Erhabene Stille. Und dann weiter, in den strahlenden Schlamm.

Woher kommt der Spielerschweiß? Körperlich anstrengend ist das Betreiben von je zwei Daumen und Zeigefingern nicht. Aber erschreckend der audiovisuelle Input. Nicht erschreckend im Sinne von Moralgefasel sondern gute alte Reizüberflutung. Man will doch nur gut sein. Überleben. Den nächsten Spielabschnitt sehen. Die nächsten Dialoge über Funk mithören. He, klingt fast wie das echte Leben. Wenn die Spiele eine Dimension dazugewinnen wird dieses franchise voran gehen. Pionierarbeit leisten, in unbekanntem Terrain.

Ähnlich wie das Phantom Krieg ist CODMW2 technisch in jeder Hinsicht atemberaubend, vom Knochen bis zur Panzerkette und vor allem die Verbindung dessen. Ein richtig gutes Ding. Seltsamerweise hat der Konsumt Zombies und suspense und trallala vermisst - das sagt einiges über den örtlichen eskapistischen Grundbedarf aus. Der Multiplayer-Modus' kann da nur echte Spezialisten verlangen.