Man könnte meinen, die Welt sie kompliziert. Man könnte meinen, dass in der Vielheit der Perspektiven und der Motivationen die Geworfenheit des Einzel(l)menschen zu einer zeitlich versetzten Naturgewalt anschwillt. Ein Sturm tost nicht über das Jetzt hinweg, nein, das Jetzt reitet auf einer Welle, die sich aus den Echos der Vergangenheit zusammensetzt.
So auch bei Traffic und beim Verkehr. Alle wollen wo hin. Alle müssen kämpfen, da anzukommen wo sie hinwollen. Keiner will seinen Kurs willentlich korrigieren, alle sind auf die Beobachtung der Gegenwart angewiesen.
Soderberghs überraschend alter Film (fast eine Dekade!) profitiert von der veranschaulichten Vielheit, die schon bei Magnolia und Konsorten so schön war. Sowohl hier als auch dort sowie beim Drogenproblem im Allgemeinen führen alle Wege ins Herz der menschlichen Rotten, nämlich in das Minisystem Familie. Hier befinden sich Konsumenten und Produzenten. Beim Güter-, Menschen- und Bedürfnisverkehr (also auf dem *Lebensmarkt*) verschwimmt die behäbige Dichotomie öffentlich|privat. Hat Habermas je inhaliert?
4/11/2009
Speaking of Sadness, David A. Karp
Einen Untertitel gibt es auch: Depression, Disconnection, and the Meaning of Illness.
Dieses Buch ist sehr journalistisch. Der Autor/Patient ist Soziologe und hat Interviews geführt. Somit liest man hier über die verschiedenen Formen des Leidens aus den unterschiedlichsten Perspektiven.
Eigentümlich ist die betonte Behutsamkeit des Autors. Es scheint, als würden bei ihm Mitleid, Verständnis und Wissenschaftsethos im Konflikt stehen. Das macht er kenntlich. Sehr tugendhaft, aber ein paar knackigere Thesen wünscht man sich schon.
Ein besonderes ist das letzte Kapitel. Da ist Schluss mit O-Ton, da wird soziologisch vermutet. Karp stellt sich die Frage, warum gerade heute eine Epidemie des Schwermuts um sich greift. Problematisch ist erstens der Begriff Arbeit: im postindustriellen Panorama ist die Dichotomie Mühe|Belohnung (vielleicht) wackelig geworden. Zweitens ist da die Liebe: wie flexibel kann (konnte) man heute wirklich sein? Freud dachte da ähnlich, aber Karp hat ein schönes Essay drüber verfasst.
Dieses Buch ist sehr journalistisch. Der Autor/Patient ist Soziologe und hat Interviews geführt. Somit liest man hier über die verschiedenen Formen des Leidens aus den unterschiedlichsten Perspektiven.
Eigentümlich ist die betonte Behutsamkeit des Autors. Es scheint, als würden bei ihm Mitleid, Verständnis und Wissenschaftsethos im Konflikt stehen. Das macht er kenntlich. Sehr tugendhaft, aber ein paar knackigere Thesen wünscht man sich schon.
Ein besonderes ist das letzte Kapitel. Da ist Schluss mit O-Ton, da wird soziologisch vermutet. Karp stellt sich die Frage, warum gerade heute eine Epidemie des Schwermuts um sich greift. Problematisch ist erstens der Begriff Arbeit: im postindustriellen Panorama ist die Dichotomie Mühe|Belohnung (vielleicht) wackelig geworden. Zweitens ist da die Liebe: wie flexibel kann (konnte) man heute wirklich sein? Freud dachte da ähnlich, aber Karp hat ein schönes Essay drüber verfasst.
Mängelexemplar, Sarah Kuttner
Vor unendlich langer Zeit gab es mal das Brüllwort "Popliteratur" und nicht nur Stuckrad-Barre hatte dann irgendwann die Nase voll.
Mängelexemplar ist auch Pop, will aber lieber sein. Weniger plakatives Ennui und verspieltes Oberflächengeschlidder sondern mehr so Richtung outsourcing, downsizing und voll authentische realness. Die Depression schillert nicht mehr in ironischen Tönen sondern wird konkret zum Gegenstand von Handeln und Denken der Protagonistin. Das ist jetzt bestimmt Trend. Kann man Frau Kuttner etwas vorwerfen? NEIN. Man könnte sie verdammen, wenn sie denn sagen täte, dass sie selbst die Hauptperson ist und achsoschlimm leidet. Jeder darf schreiben.
In der Glotze ist Frau K. freilich eine Wucht. Die macht eigentlich immer Freude und von diesem Sympathiebonus profitiert auch Mängelexemplar. Die Autorin geht zwar nicht literarisch, aber doch frisch mit Sprache um, wie man es von ihr gewohnt ist. Es gibt sehr viel schlimmeres in den Bestsellerlisten, das sich sehr viel besser verkauft. Ohne den dicken Namen würde der Text vielleicht in der Jugendromanecke versauern.
Da zitiert man gern einen Imperativ der unvergessenen und unerreichten Primus: "Keep on sniffin' til your brain goes POP". Primus sind voll meta, Mängelexemplar ist wie Meta, die Marktfrau vom Samstag. Gemütlich und rund und recht fix vergessen. Pop halt. Erfrischend. Danke. Jetzt bitte weiter, zum Beispiel auf den Zauberberg.
Mängelexemplar ist auch Pop, will aber lieber sein. Weniger plakatives Ennui und verspieltes Oberflächengeschlidder sondern mehr so Richtung outsourcing, downsizing und voll authentische realness. Die Depression schillert nicht mehr in ironischen Tönen sondern wird konkret zum Gegenstand von Handeln und Denken der Protagonistin. Das ist jetzt bestimmt Trend. Kann man Frau Kuttner etwas vorwerfen? NEIN. Man könnte sie verdammen, wenn sie denn sagen täte, dass sie selbst die Hauptperson ist und achsoschlimm leidet. Jeder darf schreiben.
In der Glotze ist Frau K. freilich eine Wucht. Die macht eigentlich immer Freude und von diesem Sympathiebonus profitiert auch Mängelexemplar. Die Autorin geht zwar nicht literarisch, aber doch frisch mit Sprache um, wie man es von ihr gewohnt ist. Es gibt sehr viel schlimmeres in den Bestsellerlisten, das sich sehr viel besser verkauft. Ohne den dicken Namen würde der Text vielleicht in der Jugendromanecke versauern.
Da zitiert man gern einen Imperativ der unvergessenen und unerreichten Primus: "Keep on sniffin' til your brain goes POP". Primus sind voll meta, Mängelexemplar ist wie Meta, die Marktfrau vom Samstag. Gemütlich und rund und recht fix vergessen. Pop halt. Erfrischend. Danke. Jetzt bitte weiter, zum Beispiel auf den Zauberberg.
4/06/2009
Religulous, Larry Charles
Völker, hört die Signale. Schwört ab vom Götzentum und bekennt euch zur atheistischen Weisheit. Denn nur der Atheismus bringt das Reich und die Kraft und den Frieden und die Option für die Ewigkeit, denn an die Apokalypse zu glauben verschaukelt jedwede progressive Dialektik.
Das musste so kommen: als einigermaßen aufgeklärter Mensch in einer hi-end-Industrienation muss es einem ja auf den Senkel gehen, wenn die eigene Regierung fundamentalistische Ansichten vertritt. Bill Maher machte mit dem Borat-Macher einen mooresken kleinen Film, in dem er Christen, Juden und Moslems naiv fragt und fix bloßstellt.
Religion zu dulden heißt Beihilfe zum Leid verantworten zu müssen: eine derbe These, oder? Noch derber ist es aber, den Begriff "Religion" als klar umreißbaren Begriff zu sehen. Wie steht es denn mit Tradition, Identität, Unterhaltung, Legitimation? Das hat alles damit zu tun. Die ominöse Wissenschaft der Soziologie mag da aufschlußreich sein.
Insgesamt ein kurzweiliger Film voller bizarrer Polaroids. Als pädagogisches Objekt mag er seine Wirkung in den so heterogen modernisierten USA nicht verfehlen: vielleicht begegnet man dort den Wanderpredigern in Senat und Prärie nach Konsum dieses Filmes mit etwas mehr Argwohn.
Aber ein ordentlich finanziertes und demokratisches Bildungssystem wäre auch nicht schlecht.
Das musste so kommen: als einigermaßen aufgeklärter Mensch in einer hi-end-Industrienation muss es einem ja auf den Senkel gehen, wenn die eigene Regierung fundamentalistische Ansichten vertritt. Bill Maher machte mit dem Borat-Macher einen mooresken kleinen Film, in dem er Christen, Juden und Moslems naiv fragt und fix bloßstellt.
Religion zu dulden heißt Beihilfe zum Leid verantworten zu müssen: eine derbe These, oder? Noch derber ist es aber, den Begriff "Religion" als klar umreißbaren Begriff zu sehen. Wie steht es denn mit Tradition, Identität, Unterhaltung, Legitimation? Das hat alles damit zu tun. Die ominöse Wissenschaft der Soziologie mag da aufschlußreich sein.
Insgesamt ein kurzweiliger Film voller bizarrer Polaroids. Als pädagogisches Objekt mag er seine Wirkung in den so heterogen modernisierten USA nicht verfehlen: vielleicht begegnet man dort den Wanderpredigern in Senat und Prärie nach Konsum dieses Filmes mit etwas mehr Argwohn.
Aber ein ordentlich finanziertes und demokratisches Bildungssystem wäre auch nicht schlecht.
4/01/2009
Thirteen Moons, Charles Frazier
Minghellas Cold Mountain ist die Verfilmung von Fraziers Erstling.
Die erste Hälfte des Romans ist ein sympathischer Trab durch das unglaubliche neunzehnte Jahrhundert Nordamerikas und den Prozess der Entwestlichung ebendort. Thirteen Moons kann als historischer Roman durchgehen, nur eben nicht im europäischen Mittelalter sondern rund um den Mississipi. Protagonist und Erzähler ist ein weißer und angerothauteter Naturbursche, der Ben Franklin folgend gleichzeitig Händler, Anwalt, Politiker und Trapper ist. Es wird Prominenz getroffen: Old Hickory Jackson und Davy Crockett betreten kurz die Bühne, die ansonsten von reichlich Naturidyllen umsäumt ist. Und die Liebe gibt es auch und es werden Väter verloren, gefunden und sabotiert. Ah, die ödipale Struktur - nur hier können Männer noch Männer sein. Was an der Geschlechterfront klar ist, verschwimmt hinsichtlich tieferer Genetik: fast jeder im konfusen Westen ist ein Mischblut und das schwarzweißrote Fleischkarussell dreht sich munter umher.
Die zweite Hälfte ist kein Galopp, sondern ein geruhsames Schreiten. Schade. Frazier macht den Sack nicht zu. Die Handlung verflüssigt sich zusehends und die sorgsam aufgebauten Sympathien für Figuren und Hintergrund werden nicht für eine eindrucksvolle Geschichte genutzt.
Die erste Hälfte des Romans ist ein sympathischer Trab durch das unglaubliche neunzehnte Jahrhundert Nordamerikas und den Prozess der Entwestlichung ebendort. Thirteen Moons kann als historischer Roman durchgehen, nur eben nicht im europäischen Mittelalter sondern rund um den Mississipi. Protagonist und Erzähler ist ein weißer und angerothauteter Naturbursche, der Ben Franklin folgend gleichzeitig Händler, Anwalt, Politiker und Trapper ist. Es wird Prominenz getroffen: Old Hickory Jackson und Davy Crockett betreten kurz die Bühne, die ansonsten von reichlich Naturidyllen umsäumt ist. Und die Liebe gibt es auch und es werden Väter verloren, gefunden und sabotiert. Ah, die ödipale Struktur - nur hier können Männer noch Männer sein. Was an der Geschlechterfront klar ist, verschwimmt hinsichtlich tieferer Genetik: fast jeder im konfusen Westen ist ein Mischblut und das schwarzweißrote Fleischkarussell dreht sich munter umher.
Die zweite Hälfte ist kein Galopp, sondern ein geruhsames Schreiten. Schade. Frazier macht den Sack nicht zu. Die Handlung verflüssigt sich zusehends und die sorgsam aufgebauten Sympathien für Figuren und Hintergrund werden nicht für eine eindrucksvolle Geschichte genutzt.
3/30/2009
Pirates of the Caribbean, Gore Verbinski
Dieser Instant-Klassiker des modernen Disney-Hallodri-Kinos ist eine große Allegorie auf Kapitalismus und Depression. Die gierige Bande räubert sich Reichtum heran und kann ihn dann nicht ausgeben - die teuren süßen Früchte werden im Mund zu Asche. Das liegt daran, dass der Reichtum aus einer anderen Zeit stammt und einem untergegangenen Volk Südamerikas gehörte. Er wurde nicht mit volkswirtschaftlich relevanter Arbeit aufgeladen, seine Wertigkeit ist nur Schein und Schatten. Also entwickeln die lustprinzipientreuen weil lustverlustigen räuberischen Schergen eine furchtbare Existenz mit der Queste der Wiedergutmachung, der Arbeit am Ende des Fluches. Diese Arbeit macht viel Lärm und bringt wieder keinen gesamtwirtschaftlichen Nutzen, eher nur Terror und Schrecken und Unruhe. Der Piraten wahre Natur wird nur im Mondlicht offenbar, also dann, wenn auch Gold nicht gülden glänzen kann.
Und überlistet werden die Verfluchten nur, wenn der Ultra-Avatar Jack Sparrow einen Teil des Fluches auf sich zieht und nutzt: seine kurzzeitige und bedachte Zombifizierung bedeutet das Schachmatt für die reuigen Sünder.
Und überlistet werden die Verfluchten nur, wenn der Ultra-Avatar Jack Sparrow einen Teil des Fluches auf sich zieht und nutzt: seine kurzzeitige und bedachte Zombifizierung bedeutet das Schachmatt für die reuigen Sünder.
3/25/2009
Watchmen, Zack Snyder
Überlänge, Düsternis, Effekte. Das wurde alles erwartet. Doch Snyder hat sich auch in einem hohen Maße an die optischen Vorlagen des Comics gehalten. Überraschend viele Kameraeinstellungen imitieren die Motive auf Papier sehr gut: schön, dass sich Snyder hier so zurückgenommen hat. Sein Gesellenstück war ja auch 300.
Aber in anderer Hinsicht wurden die Schauplätze auch aufgewertet und einige Dinge wurden hinzugefügt: die Verschmelzung mit diesem chimärenhaften Zeitgeist, der im Comic die Jahre zwischen 1945, 1968 und 1989 so süffisant einfängt, wird verstärkt. Es gibt Warhol und Bowie und Kissinger und viele andere. Diese kleinen Erweiterungen stehen in keiner Weise im Widerspruch zur Aura des Originalprodukts.
Und der Soundtrack geht auch in Ordnung, auch wenn er niemals die musikalischen Verbrechen der 1980er zur Gänze sühnen kann.
Die überaus notwendigen Kürzungen des Originals sind gelungen. Watchmen hat als Film eine grenzwertige Spielzeit und eine Zerteilung der Geschichte in Sequels wäre grob und bemüht und bestimmt auch wirtschaftlich eher doof. Frohe Botschaft hinsichtlich Inhalt und Aufarbeitung kommt vom Wiki-Eintrag: A DVD based on elements of the Watchmen universe is planned for release; it will include an animated adaptation of the comic Tales of the Black Freighter within the story, starring Gerard Butler (!), and the documentary Under the Hood, detailing the older generation of superheroes from the film's back-story. An extended edition of the film, with Tales of the Black Freighter interspersed through the main storyline in a manner reminiscent of the comic, is also forthcoming.
Dickes Ding, das. Gut so.
Aber in anderer Hinsicht wurden die Schauplätze auch aufgewertet und einige Dinge wurden hinzugefügt: die Verschmelzung mit diesem chimärenhaften Zeitgeist, der im Comic die Jahre zwischen 1945, 1968 und 1989 so süffisant einfängt, wird verstärkt. Es gibt Warhol und Bowie und Kissinger und viele andere. Diese kleinen Erweiterungen stehen in keiner Weise im Widerspruch zur Aura des Originalprodukts.
Und der Soundtrack geht auch in Ordnung, auch wenn er niemals die musikalischen Verbrechen der 1980er zur Gänze sühnen kann.
Die überaus notwendigen Kürzungen des Originals sind gelungen. Watchmen hat als Film eine grenzwertige Spielzeit und eine Zerteilung der Geschichte in Sequels wäre grob und bemüht und bestimmt auch wirtschaftlich eher doof. Frohe Botschaft hinsichtlich Inhalt und Aufarbeitung kommt vom Wiki-Eintrag: A DVD based on elements of the Watchmen universe is planned for release; it will include an animated adaptation of the comic Tales of the Black Freighter within the story, starring Gerard Butler (!), and the documentary Under the Hood, detailing the older generation of superheroes from the film's back-story. An extended edition of the film, with Tales of the Black Freighter interspersed through the main storyline in a manner reminiscent of the comic, is also forthcoming.
Dickes Ding, das. Gut so.
The Collector, John Fowles
Ein Terrarium für Menschen. Der Sammler will erst nur schauen und dann in Ruhe schauen: er schnappt sich das Objekt seiner Blicke und sperrt es in den Keller. Aber er steckt keine Nadel durch das Objekt sondern bringt die Mahlzeiten und Geschenke.
Der Roman bietet die klassische Spannung eines Kammerspiels und ist angereichert mit britischem Standesdünkel: so ist die junge Gefangene nicht "in der Liga" ihres geschmacklosen Gefängniswärters und ihre Gespräche kreisen stets um die sogenannten unüberbrückbaren Differenzen, die beide verspüren. Freilich endet alles schlimm.
Aber warum hat Fowles Debüt von 1963 den Graben nicht erschüttert? Vielleicht wurden bislang zuviele Geisel-Gewalt-Stockholmsyndrom-Kaspereien hier konsumiert. Gewaltgewöhnung, quasi. Aber vielleicht ist es auch das Alter des Romans: für 1963 strahlt er eine erfrischende Finsternis aus, die die sonst nur aus dem pulp bekannten Szenerien in die sogenannte ernsthafte Literatur verfrachtet. Über vierzig Jahre später ist die feine Gewalt im mainstream sehr gängig und The Collector kann gar nicht mehr so wirken wie damals, vor den Toden von JFK und Sharon Tate und vor Beggars Banquet.
Der Roman bietet die klassische Spannung eines Kammerspiels und ist angereichert mit britischem Standesdünkel: so ist die junge Gefangene nicht "in der Liga" ihres geschmacklosen Gefängniswärters und ihre Gespräche kreisen stets um die sogenannten unüberbrückbaren Differenzen, die beide verspüren. Freilich endet alles schlimm.
Aber warum hat Fowles Debüt von 1963 den Graben nicht erschüttert? Vielleicht wurden bislang zuviele Geisel-Gewalt-Stockholmsyndrom-Kaspereien hier konsumiert. Gewaltgewöhnung, quasi. Aber vielleicht ist es auch das Alter des Romans: für 1963 strahlt er eine erfrischende Finsternis aus, die die sonst nur aus dem pulp bekannten Szenerien in die sogenannte ernsthafte Literatur verfrachtet. Über vierzig Jahre später ist die feine Gewalt im mainstream sehr gängig und The Collector kann gar nicht mehr so wirken wie damals, vor den Toden von JFK und Sharon Tate und vor Beggars Banquet.
3/20/2009
"Alles nur Märchen!"
Das olle Rotkäppchen im frischen Design, via buzzfeed.
Slagsmålsklubben - Sponsored by destiny from Tomas Nilsson on Vimeo.
Slagsmålsklubben - Sponsored by destiny from Tomas Nilsson on Vimeo.
3/19/2009
3/18/2009
The Hellbound Heart, Clive Barker
Dieser klassische Horrorstoff aus den 1980ern bedient viel ältere Gruselmotive: die Gier nach Lust verursacht Verderben, der Pakt mit dem Teufel kann nur finster enden und die Hölle, das sind die Anderen. Klare Sache.
Die Geister, die hier gerufen werden, heißen Zenobiten und sind Chirurg und Patient in einem: ledrig fasern die multiplen Fleischesarten an ihnen herum und sie werden wie Flaschengeister durch das Betätigen eines mysteriösen Würfels herbeigerufen. Fleisch wollen sie und Kunden bekommen sie - Menschen, die mehr aus ihrem Leben machen wollen und dafür gern davon ein Stück aufgeben.
Clive Barker half auch bei der Filmversion von Pinhead und Konsorten mit, zumindest beim Original. Allerdings ging die noch nie durch den Graben hier.
Die Geister, die hier gerufen werden, heißen Zenobiten und sind Chirurg und Patient in einem: ledrig fasern die multiplen Fleischesarten an ihnen herum und sie werden wie Flaschengeister durch das Betätigen eines mysteriösen Würfels herbeigerufen. Fleisch wollen sie und Kunden bekommen sie - Menschen, die mehr aus ihrem Leben machen wollen und dafür gern davon ein Stück aufgeben.
Clive Barker half auch bei der Filmversion von Pinhead und Konsorten mit, zumindest beim Original. Allerdings ging die noch nie durch den Graben hier.
The Fall, Tarsem Singh
Fincher und Jonze haben dieses Produkt gelobt/empfohlen, also musste es konsumiert werden. Und daher weht der Wind: es ist ein Film für Filmemacher.
Ein gelähmter Stuntman erzählt im Krankenhaus einer fünfjährigen Patientin eine Geschichte. Diese ist bunt, sehr bunt: ein pathetisches Quest wird unternommen und sowohl Unterhaltung als auch Manipulation ereignen sich gleichzeitig. Ja, das ist mal wieder so ein Kopf-Film. Das kleine Mädchen fügt die Bilder in dieser Ära des eigentlich stummen und monochromen Kinos zu einem totalitären Konzept zusammen und irgendwann übernimmt sie, die vielleicht für die Rolle des Publikums im Unternehmen "Kino" steht, auch einen Teil der Autorenschaft.
The Fall ist absichtlich vielschichtig und ein sehr, sehr schöner Film.
Ein gelähmter Stuntman erzählt im Krankenhaus einer fünfjährigen Patientin eine Geschichte. Diese ist bunt, sehr bunt: ein pathetisches Quest wird unternommen und sowohl Unterhaltung als auch Manipulation ereignen sich gleichzeitig. Ja, das ist mal wieder so ein Kopf-Film. Das kleine Mädchen fügt die Bilder in dieser Ära des eigentlich stummen und monochromen Kinos zu einem totalitären Konzept zusammen und irgendwann übernimmt sie, die vielleicht für die Rolle des Publikums im Unternehmen "Kino" steht, auch einen Teil der Autorenschaft.
The Fall ist absichtlich vielschichtig und ein sehr, sehr schöner Film.
3/15/2009
Watchmen, Alan Moore & Dave Gibbons
Jeder der einzelnen Wächter steht für eine genial ausdifferenzierte Spielart des Comic-Superhelden und zusammengenommen stehen sie für die Probleme des Besonderen in einer Gesellschaft der Masse und der Massenvernichtung. Aber das ist auch nur eine Lesart, die man Watchmen angedeihen lassen kann: es kann auch "nur" eine verflixt dichte SciFi-Geschichte sein.
Wundervoll ist die gleichzeitige Strenge und das Verspielte: zum einen sind die Rahmen gleichmässig und exakt auf der Seite arrangiert, so dass eine filmartige Optik entstehen kann. Zum anderen ist die Geschichte vollgesogen mit Motiven der neueren nordamerikanischen Geschichte und in diesem fiktiven Jahr "1984 plus x" kandidiert irgendwann ein "RR" als Präsident, ein Cowboy: nicht Ronald, sondern Robert. Kitty Genovese verursacht eine Heldengenese und das Fernsehen bezwingt den Unbesiegbaren.
Es scheint alles um das Geschriebene des Gezeichneten zu kreisen: Rorschachs Tagebuch ist Ende und Anfangspunkt für eine Geschichte mit wahrlich epischen Merkmalen.
Ohne Überlänge ist hier keine Filmversion zu drechseln. Mal sehen.
Alle Familien sind verkorkst, Douglas Coupland
Coupland ist strategisch vorgegangen: er hat auf einem blanken Blatt Papier alle Assoziationen versammelt, die man mit mit dem Begriff "Familie" im ausgehenden zweiten Jahrtausend verbinden könnte. Diese hat er dann durchhysterisiert und anschließend einen extremistischen Roman verfasst, der in einer unwirklichen amerikanischen Provinz namens Florida spielt.
Enorm kurzweilig reihen sich hier die Absonderlichkeiten aneinander: da geht es um Blutsverwandtschaft vs. HIV und Kinder, die nicht nur das Nest sondern gleich den Planeten verlassen. Es wird gestritten und versöhnt und einige ödipale Verwirrungen gibt es auch. Sexbestien und Wandschrankwaffen und Leihmütter und das Ende der Monarchie runden das Buffet ab.
Das Wort "verkorkst" passt nicht in den Titel, da es nicht wirklich die Übersetzung von "psychotic" ist, aber Genauigkeit ist man bei Rowohlts Taschenbüchern leider eh nicht gewohnt.
Enorm kurzweilig reihen sich hier die Absonderlichkeiten aneinander: da geht es um Blutsverwandtschaft vs. HIV und Kinder, die nicht nur das Nest sondern gleich den Planeten verlassen. Es wird gestritten und versöhnt und einige ödipale Verwirrungen gibt es auch. Sexbestien und Wandschrankwaffen und Leihmütter und das Ende der Monarchie runden das Buffet ab.
Das Wort "verkorkst" passt nicht in den Titel, da es nicht wirklich die Übersetzung von "psychotic" ist, aber Genauigkeit ist man bei Rowohlts Taschenbüchern leider eh nicht gewohnt.
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