4/27/2011

The Little Friend, Donna Tartt

Hier. Bestseller! Zweitwerk nach dem Übererfolg! John Grisham?! Aber nein! Nach "Die geheime Geschichte" endlich mehr saftige pageturner-Kost. Tartt schreibt Roman-Romane und wirft nicht mit Kulturtheorien und Gesellschaftskommentaren um sich. Sie ist wie eine ehrliche Eskapismus-Autorin. Den Leser packen und in Cinemascope woanders aussetzen. Wham, blam, thank you ma'am.

Mit einem toten Bruder geht es los und dann mitten hinein in die Sümpfe der Südstaaten. Southern gothic? Durchaus, aber mit weniger Inzest, wohl aber mit zerfallenen Herrenhäusern, sterilen alten Frauen und abwesenden Gentlemen-Patriarchen. Es gibt auch ordentlich hillbillies, die auf Acid und Selbstgebranntem ihre Motorhauben wienern. Und Schlangen. Schlangen in Kisten, Schubladen, Stiefeln, Fluchtplänen, etc...

Die Protagonistin ist eine Schau, denn so eine dreist-clevere Nerd-Göre hat man selten erlebt. Kleine Mädchen sind eben die besseren Action-Archäologen. Ja gut, das Finale war eher ein Schritt zur Seite, aber man kann ja nicht alles haben. Am Ende werden ja die allerbesten Absichten auch nur in den Golf gespült.

4/18/2011

9to5: Days in Porn, Jens Hoffmann

Hier. Der Dokumentationsmarathon nähert sich dem Ende... zunächst. Mit diesem preisgekrönten Werk über die kalifornischen Fleischfilmer erhält der interessierte Zuschauer Zugang zu menschlichem, allzu menschlichem. Das war zu erwarten.

Aber was wird noch geliefert? Es werden Menschen gezeigt, die man so wahrscheinlich nicht sieht: wie sie an ihrer Branche genesen und zugrunde gehen. Die über mehrere Monate begleiteten Charaktere, äh, echten Menschen, haben Pläne und Hunde und Hypotheken und finden einen Platz in der zugegebenermaßen gewaltig großen Pornowelt. Viel spielt sich im Auto ab, wahrscheinlich ist in den beigegrauen Feldern kalifornischer Pendlerödnis ein Interview am ehesten zu führen.

Es scheint, als ob die Flüchtigkeit der hier massenhaft produzierten Medien sich in den Leibern selbst niederschlägt - keiner hat Bestand. Vielleicht ist es ja das Echo von Decasia aber 9to5 ist einer der nihilistischsten Filme überhaupt: es gibt noch nicht einmal einen moralisierenden Moderator, der als Sollbruchstelle herhalten könnte, es gibt nur den (vielleicht inhaltlich ungewöhnlichen aber vor allem) enorm unstetigen Lebenstrott der Brancheninsassen. Ist das bei Bänkern auch so? Den stabilsten Lebensentwurf scheint hier die als Ärztin tätige Exdarstellering zu haben: sie behandelt STDs und klärt über die Endlichkeiten und Bedingungen von Sekreten, Geweben und Praktiken auf. Sie hat sogar Zimmerpflanzen und einen Vogel.

Decasia, Bill Morrison

Und die Säge, die hat Zähne. Hier und hier und hier.

Jawohl, Film ist eigentlich Reibung, Aufreibung: Decasia besteht aus Filmmüll, der zum Zeitpunkt seiner Zerreißung noch einmal abgefilmt wurde. Die Bänder hängen aneinander und sind fleckig, brüchig und brachial - Gespenster tauchen auf, die in ihrem einst intendierten Sinnzusammenhang vielleicht nur Beiwerk zu irgendwelchen Erzählungen waren. Widergänger, Wiedergänger... der gothic Aspekt ist bei Decasia riesig. Erstens sind alle Menschen, deren Umrisse, Fratzen und Zuckungen hier schimmern und schattieren, sehr tot. Auch die Kamele (waren es Dromedare?) sind bestimmt nicht mehr da. Nur der Zerfall. Bestürzende Zerstürzung.

Von allein ist der Film weder auf Schock, noch auf Grusel getrimmt und doch stellt sich ein leichtes Schaudern beim Sehen ein, da der schwarzweißgraue Bildersturm zwar inhaltlich erklärbar ist aber eben doch leichte Wehmut mit geschundener Schönheit verbindet. Ein Film, der keine Produkte verkaufen will. Ein Film, der keine menschliche Bedarfsempathie propagiert. Gruselig.

Maßgeblich zum Schauerlebnis beitragen kann der Soundtrack: hier wird gerauscht und geschrammt und gerumpelt, aber rhythmisch und jenseits aller wohltemperierten Klaviere. So atmen Fabriken, so hört sich eine Autofahrt vom Inneren des Vorderreifens an. So sterben Bilder - das heißt im Umkehrschluss auch, dass sie einmal lebten. Leben heißt vielleicht nur "Frequenzwechsel" und Neuüberlagerung.

Und noch eine Ebene Zerfall: Decasia verzeichnet die letzten ihrer Art, denn im Zeitalter digitaler Bilder und Speichermethoden wird solch ein Geschrammel eher selten werden. Dann kommen glitches und Systemabstürze auf, dann poppen blue screens auf und beenden die Restbilderschauen abrupt. Hier schleppt es sich alles weiter, und steht der Projektor auch in Flammen: da raucht es erst ein wenig, bevor die Filmschnur reißt.

4/17/2011

Global Metal, Sam Dunn & Scot McFayden

Noch einmal mit (noch mehr) Gefühl... die zweite Metalldokumentation vom Anthropologen Dunn widmet sich der weltweiten Strahlkraft dieser Kulturtechnik. Die Genres sind ja nun bereits identifiziert und die (Sinnleere einer) "Entschuldigung" persönlicher Musikvorlieben abgefrühstückt. Die Weltreise macht somit durchaus Sinn.

Von Wacken aus zieht Dunn herum und zerrt indonesische, indische und brasilianische Metallmenschen vor die Kamera und bleibt dabei ganz Fan. Freilich ist besonders die Episode in Japan sehr, sehr verstörend. Self-fulfilling prophecy nennt man das wohl. Und China gibt es auch! China metal. Völkerverständigung dank akustisch angewandter Elektrizität.

Und so rumpelt auch diese Doku sinnstiftend und unterhaltsam über Globus und Bildschirm. Für manche ist es nur eine Fußnote im größeren Globalisierungstheoriegebäude, eine weitere Anekdote - für andere vielleicht die Bestätigung, dass Jugendkultur sich allerorts (ähnlich) entwickelt. Also, alle die eine "frohe Botschaft" in informativen Narrationen gut finden sind mit Global Metal gut bedient. Alle anderen können endlich mal wieder ein Werk von Dillinger Escape Plan durchhören.

24, Season 1, Joel Surnow & Robert Cochran

So geht das mit der Echtzeit, aha. Dieser alte Schinken hat vor einem Jahrzehnt die Glotze gerockt und spannte sogar die Werbeblöcke in die Darbietung ein. Es ist ja vom Inhalt her nicht neu: Gefahr im Verzug, Leiber hetzen umher und verpassen sich fast. Dazu die mobile Telefonie und Satellitengekasper. Aber eben Echtzeit.

Wahrscheinlich sind die Produzenten Logiker und wollten Sicherheit definieren: wenn man einen geschlossenen Raum hat, dann ist der sicher. Aber wenn man eine offene Zeitlinie hat, geht irgendwann jedes er-/geschlossene Gebiet den Bach runter oder in Flammen auf. Je komplexer die Maschinerie, desto mehr Fluchtlinien stellen sich ein. Wahrscheinlich wollten die Produzenten aber auch nur einmal eine Antithese zum A-Team formulieren, ohne Jason Bourne zu vergessen und ohne bewährte TV-Spannungsdialoge zu revolutionieren.

Und man wollte es zwar nicht wahrhaben, doch es begab sich so: nie konnte nur eine Folge geschaut werden, immer waren es drei oder vier, bevor die beknackte echte Welt den Konsum unterbrechen musste. Ach, diese echte Welt mit ihrer lahmen Echtzeit.

Aber das mit der toten Gattin bleibt schon hängen. Sehr unerwartet, das.

Spun, Jonas Åkerlund

Klare Opfer ihrer Umstände! Die Protagonisten sind in der sonnenverbrannten urbanen Ödnis Kaliforniens gefangen und fahren viel zu lahme Autos. Kein Wunder, dass sie da ein wenig Geschwindigkeit dazukaufen müssen und diese dann in Venen, Mund und Nase einführen.

Der Regisseur kommt ja vom Videoclip. Aha, sagt der nüchterne Kritiker: deshalb die schnellen Schnitte. Aber man kann sie freilich auch mit der Geschwindigkeit erklären, die da so verehrt wird. Keine Bewegung, doch die Pupille rast: der ungestüme Gedanke tastet die vergammelte Lebenswelt ab, um irgendwo Krümel zu entdecken, Partikel, die Ablenkung und Erbauung versprechen.

Die Darsteller haben vermutlich viel Spaß beim Dreh gehabt. Dazu sind die Dialoge zu authentisch... wenn man die oft genug wiederholt, kann man ob der Widerlichkeit der Welt schon druff kommen. Aber auch sie sind Opfer ihrer Umstände: ein wenig ist das alles hier Maskenball und die Häschen unter der Konsumenten könnten die Charaktere für überzeichnet halten. Und das Ende ist leider inkonsequent... oder genial? Weiß man ja nie, ob und wie und wann man runterkommt - und wann man unten ist und/oder bleiben kann. Keine Zeit zum Rekonsum. Mehr, mehr, schneller, schneller.

4/16/2011

Metal: A Headbanger's Journey, Jessica Joy Wise & Sam Dunn & Scot McFayden

Hier und hier. Musikjournalismus! Fans für Fans! Auweia. Trotzdem ist diese Genreschau sehr unterhaltsam, da der Herr Anthropologe auch nach Skandinavien fährt und dort die Schwärzestmetallmusikanten trifft. Das ist eine Schau. Freilich darf da auch Wacken nicht fehlen, ist ja gleich um die Ecke.

Die Problematik zu Beginn ist gar nicht so verwegen: warum muss man sich immer erklären, wenn man denn so eine Form populärer Musik mag? Das Feld scheint diese Ächtung aber auch zu brauchen, denn nur so kann sich die aggressive Pose halten. Aber ehrlich gesagt bleibt zu bezweifeln, ob im dritten Jahrtausend noch jemand von hartem und weichem und kommerziellem und "authentischerem"(?) Pop sprechen kann. Beim Metall ist man sich der Genealogien sehr bewusst. Da gibt es noch echte Diskussionen, wo welche Ahnentafel wie angelegt werden kann. Das gibt dann einen Mehrwert für den Konsumenten, denn der kann dann wie in einer Seifenoper die Verstrickungen seiner Unterhaltungsprodukte verifizieren und diskutieren. Das Außen bleibt auch stets definiert, vielleicht nicht immer trennscharf: der nichtmetallische Mainstream. Diesem Umstand verdankt diese Doku ihre Kurzweiligkeit.

Und Lemmy ist der Hohepriester des Überlebens. Keiner sonst darf solche Hüte tragen.

4/14/2011

Sucker Punch, Zack Snyder

Hier. Wir sind nicht mehr in Kansas, Toto. Vielleicht Ohio? Auf die Nuss gibt es jedenfalls schön bildgewaltig und die gesamte Einrichtung eines comic shops wird einmal durchgerendert und in Bewegung versetzt. Ein hoch auf die ultraästhetischen Auseinandersetzungen!

Sympathisch ist bei SP, dass kein sequel angelegt ist. Es ist einfach eine runde, stimmige Geschichte mit einem verblüffend klugen (aber nicht zu klugen) Ende. Die Hauptdarstellerinnen wissen, was sie tun: niemand hat ihnen den green screen bei den Dreharbeiten schön geredet. Auf das bloße Aussehen selbiger beim Stillstehen wird auch nicht soviel Zeit verwendet... denn in Bewegung sind die Dinge ja nochmal so schön.

Und es gibt Dampfdeutsche. Zischen beim Umfallen.

Snyder hat's ja schon mit gecapeten Herren getan und wird es mit einem besonderen auch wieder tun. So soll es weitergehen.

4/10/2011

Boardwalk Empire, Terence Winter & Nelson Johnson

Da und da und hier bei hbo.com. Neues Flaggschiff des seriellen Erzählens in den 10ern? Uh, ja... Und was für eins. Einer der vielen guten Effekte der Sopranos: ein neues Abmischen bewährter Techniken, hier aber mit historischen Umfeld und bedeutend mehr Geld für die Kulissen.

Die Überraschungen hielten sich in Grenzen: Buscemi ist ein Held, der wohl auch in Samstagssitcoms für Sympathien sorgen könnte. Doch hier hat er die sehr große Bühne als menschelnd-souveräner Korruptionsknoten im trockenen Amerika inne. Michael Pitt findet auch endgültig seinen Platz in der prime time und macht was für die Rente: als Kriegsveteran und Daumenbrecher verbindet er einen seltsam angeschlagenen und finsteren Eindruck. So war das halt mit den Schützengräben. Allen voran aber die Weiblichkeiten, die zeitgemäß teils auch mit sich selbst überfordert sind: mit sehr viel Inbrunst wird hier die Bevölkerungshälfte gezeigt, die plötzlich wählen darf und Schnaps schmuggeln kann. Wie immer ist niemand unschuldig, doch beim Boardwalk Empire wird der Unschuld so wunderbar nachgetrauert, dass man sich fast an einen Sinclair Lewis wagen will.

Ein famoses big-budget-Vehikel. Jetzt braucht man nur noch jemanden, der es mit Inland Empire in Verbindung setzt (früh, spät, Ost, West, hu?).

4/09/2011

Knockemstiff, Donald Ray Pollock

Kurzgeschichten aus Ohio von einem der Überlebenden. Das Dorf gibt es wirklich! Wahrscheinlich einer der furchterregendsten Orte Nordamerikas. Die Berichte hier gehen einmal um den trailer park, dann in die Jauchegrube und quer über den alten Parkplatz zum Friedhof, wo diese kranken Kinder wieder ein bbq aufgebaut haben.

Der Siff trieft aus Menschen und Motoren, beide husten ordentlich und sind trotzdem in diese existentiellen Kuhle gefangen, die dem durch und durch heruntergewirtschafteten Ödland ihren Schwerpunkt gibt.

Was bleibt zu tun? Die einzige Anweisung wird halblaut ausgesprochen: Knockemstiff, hau'se alle um. Ob es nun die Termiten unter der Bar sind oder die verfetteten Drecksbälger der Exotik-Tänzerin, die sie dem Schlachtergehilfen unterjubelte: wer hier nicht möglichst hart und früh und mehrfach zuschlägt, wird bei den Futterluken nach unten rutschen.

Der Autor kennt diesen Ort. Der MFA kam spät zu ihm... schön, wenn dabei so ein herbes Brett herauskommt. Oh, Ohio.

Drugstore Cowboy, Gus Van Sant

Dieser. Flink manövert sich der Hallodri und seine Gang durch die Provinz, um chemische Ungleichgewichte auszugleichen. Dabei sehen alle gut aus und könnten zunächst als Green-Party-Sympathisanten herhalten. Aber alles bricht entzwei wie die konsumierten Molekülketten und so gefriert alle Leichtigkeit in Atemlosigkeit. Cold turkey, Sozialversicherungsnummer, ein Zimmer mit Etagen-WC.

Moralische Keulen gibt es hier keine, eher eine ästhetische Ehrfurcht vor dem schönen Gefühl, nicht nüchtern zu sein. Burroughs selbst referiert mit ungeniertem celebrity-Faktor über die Prinzipien, für die er steht. Den Van-Sant-Spielraum hier beginnen lassen zu wollen, gelingt: brechende (zerstaubende) Jugend als Zentralthema machen dieses sorgsam bebilderte Bühnenstück zur Hausmarke. Das Ding mit dem Mainstream und der aktiven Kamera kam später. Sei's drum: mit Drugstore Cowboy fing es an. Ordentlich.

Spun ist anders.

The Union: The Business Behind Getting High, Brett Harvey

Oh, Canada... hier. Eine durchaus erfrischende Dokumentation über das alte Thema der Legalisierung und Nutzung diverser Pflanzen. Besonders interessant ist der sehr bizarre nördliche Grenzverkehr.

Und obwohl Tommy Chong dabei ist wird nicht einfach nur das durchromantisierte Stoner-Exil beschworen: es ist ein Blick auf das Prinzip des Marktes, das immer wieder verschwimmt, wenn es nicht um Butterberge und Erdöl sondern um Wellness-/Genuss-/Heilmittel geht.

Hier die offizielle Seite.

The Union - Marijuana Documentary from British Columbia
The Union - Marijuana Documentary from British Columbia Hosted by Beer Steak Bullshit

4/08/2011

Mehr Vorfreude: Hesher

Nicht nur wegen Frau Portman Pflicht.



Danke, Nerdcore.

4/05/2011

Californication, Tom Kapinos

Vier Staffeln voller Strandgut. Hier. Jawohl, erfolgreiche Musikanten haben wegen des Titels bereits geklagt. Sehr kalifornisch.

Der Schock kam früh: was ist nur aus der Kleinen aus der verbratzten Nanny geworden?! "Fucking and Punching"?! Nagut, das kann für eine dramedy eine komfortable Mischung bedeuten. Vielleicht hat der Porsche auch deshalb nur ein Auge: er drückt das andere zu.

Jede Staffel hat ein Motto, eine Rahmenrahmenhandlung: somit hat jedes Staffelfinale eine gewisse Brisanz. Duchovny hat die Eskapaden des Helden formvollendet umgesetzt und ein sehr prägnantes Schreibäffchenschema in die Welt entlassen. Und etwas lernen kann man auch: von diesem und jenem lebt quasi der Grundton der Sendung wie auch die Welt, in der sie zu spielen droht. Und es gibt noch so viel mehr zu entdecken. Aber wer liest denn jetzt noch die Bücher, die weniger Sex und mehr Gewalt haben?