2/08/2012

American Horror Story, Season 1, Ryan Murphy & Brad Falchuk

Hier und hier. Genüsslich wird das Genre für's Fernsehen heruntergebrochen. Das liegt höchstwahrscheinlich am noch immer überraschenden Erfolg von AMC's The Walking Dead.

Die Schlüsselelemente sind jedem aus einen EA-Poe-Einführungsseminar oder zwei bis drei Folgen Twilight Zone bekannt: das Haus soll für eine Familie ein Ort der Ruhe und des nachhaltigen Wachstums sein doch es ist infiziert mit Unmoral und Niedertracht in einem letztlich recht verwirrten bürgerlichen Amerika. Somit bekommen die menschlichen Bewohner es mit allerlei Grundsatzfragen zu tun und setzen sich emotional und rational zur Wehr um schließlich doch nach der Pfeife der Verlorenen tanzen zu müssen. Recht so.

Die letzte Folge lässt eine gute Serie sehr gut werden - diese Konsequenz der Produzenten war vorher nicht abzusehen.


2/06/2012

Horseman, Pass By, Larry McMurtry

Hier. Der Titel schraubt ja schon einmal die mystische Vorabverklärung voran: einer der apokalyptischen Reiter soll den Sprecher verschonen und er formuliert diese bitte in einem Gebet. Doch weit gefehlt! Der kleine Roman ist viel mehr Kartoffeln und Bohnen als gedacht. Die Ranch geht nämlich aufgrund der Maul- und Klauenseuche fast zugrunde und die alte Generation scheint damit nicht fertig zu werden. Der verzogene Nachkomme, der finstere Prinz, hat keinerlei nachhaltige Absichten und vervollständigt den Ruin durch sein eigenes ungutes Handeln.

Es stellt sich die Frage nach Art und Weise des Niedergangs: ist es biologisch-medizinisch und gewissermaßen vom Wetter abhängig oder ist es die Niedertracht der Menschen, die stumpfe Gier der neuen Generation entwurzelter Amerikaner, die eine lebenswerte Gemeinschaft vernichtet? Der jugendliche Erzähler hält sich vortrefflich zurück mit seinen Einschätzungen und berichtet die recht schusswaffenfreie Handlung mit atemloser Verzweiflung. Er wird sich demnächst entscheiden müssen ob er sich nach am Ethos des toten Königs oder an der Kühnheit der Freibeuter orientiert.

McMurtry hat nicht nur Lonesome Dove geschrieben und an Brokeback Mountain mitgearbeitet sondern hat schon mit diesem Debüt glorreich abgeliefert. Übrigens wurde HPB auch als "Hud" verfilmt, und zwar mit Paul Newman.

2/05/2012

Boardwalk Empire, Season 2, Terence Winter & Nelson Johnson

Enorm. Hier die erste Staffel. BE kann man gar nicht unterschätzen. Hier kommt die geballte Erzählmacht des Fernsehens zum Einsatz, hier wird CGI sinnvoll eingesetzt, hier stehen Historiker in Lohn und Brot um die Zeit der Prohibition so wuchtig wie möglich darzustellen.

Diese Serie ist äußerst gewalttätig in symbolischer und materieller Hinsicht. Die Figuren sind allesamt Zivilisten doch bewahren sich ihre potentielle Monstrosität. Ausbruch und Einbruch sind stets möglich und der Konsument ist gebannt von dieses dunklen, spröden Innenräumen mit unglaublich unbequemen Heizsystemen und ganz ohne Fernsehapparat in der Ecke. Der Konsument stellt einen schaulüsternen Masochismus an sich selbst fest: das Zerlegen von KKK-Schergen und anderem Abschaum schreckt ab und erfreut zugleich. Im sprichwörtlichen BE liegt so viel Gewalt in der Luft dass es knirscht und zerrt. Beim Konsum wurde oft gerufen und gefiept.

Das Finale dieser Staffel entsetzt. Nach einer Orgie an (Selbst-) Zerstörung fliegt dem Konsumenten das kleine bisschen Behaglichkeit um die Ohren. Da kommt die Gewalt in mehrfacher Hinsicht zum Tragen. Die Figuren werden entlarvt als ineinander verkeilte Zwangstäter, die nur oberflächlich durch das Medium Alkohol als Schmuggelware miteinander interagieren.

Ganz großes Tennis, äh, Kino... äh, Fernsehen.

2/04/2012

The Elder Scrolls: Oblivion, Bethesda Softworks

Hier. Skyrim ist es nicht. Selbiges soll ja für PS3 auch arg verkäfert sein. Das ist mehr als schade, Bethesda. Bei Fallout gab es ja ähnliche Macken.

Und auch hier bei TES: O gibt es ärgerliche Sackgassen. Die Kämpfe sind OK und nett dynamisch mit dem Blocken und Hauen und Ausweichen, aber die NSCs gehorchen teils gar nicht oder... gar nicht. Teils braucht man Glück oder Irrsinn für die Queste, keinen gesunden Spielerverstand. Das Finale ist eine Flaute sondergleichen. Einfach mehr altbekannte Gegner klatschen und dann zusehen, wie ein konservatives Großdings ein anderes Großdings klatscht.

Opulente Epik will sich so nicht einstellen. Vielleicht ist man viel zu franchise-geschädigt. Der Konsument wünscht sich Illithiden und Streitkolben +2 zurück. Da weiß man was man hat. Aber das endet vielleicht auch in Seufzer. Verwirrung. Mancher Mist ist wohl bloß Mist. Dragon Age war jedenfalls besser... dessen Sequel vielleicht auch.

Scott Pilgrim vs. the World, Edgar Wright

Hier. Warum ist da ein trüber Beigeschmack? Vielleicht weil bei allen young-adult-Kisten eine sehr intime Nostalgie mitschwingt. Wenn man nun auch noch alle T-Shirts und alle Phrasen kennt, dann ist das schon herb.

Basierend auf dem graphischen Roman ist nun also dieser Film entstanden und selbiger leugnet seine Abstammung keineswegs, im Gegenteil: da wird animiert und persifliert und getschingerassabummt dass es scheppert. Der trübe Beigeschmack: eigentlich darf die Welt doch nicht erfahren, dass man als dermaßen alter Konsument noch immer die Nintendo-Sounds und die Arcade-Logik im Kopf hat und bei einigen Weltbetrachtungen zum Einsatz bringt. Und SP zerrt das nun alles ins offene. My precious...

Warum ist da ein weiterer trüber Beigeschmack? Wegen Kanada?! Diesmal nicht: Herrn Cera kann schlichtweg Year One nicht verziehen werden. Jetzt nicht und wahrscheinlich nie. Arrested Development und Juno sprechen für ihn, immerhin.

Ansonsten ist SP aber eine Riesengaudi und gibt einem den Glauben an kreative Filmemacher zurück.

The Tortilla Curtain, T.C. Boyle

Hier. Ein Klassiker. Bonfire of the Vanities trifft Suburbia mit Sonnenmilch und Pilates-Kurs. Den armen weißen Opfern laufen diverse mexikanische Zwangsmechanismen vor's Auto und durch den Vorgarten. Die Invasion der stummen Handwerker hat begonnen.

Der Erfolg des Romans liegt in seiner fast schon unliterarischen Schilderung des Grenzproblems im Südosten der USA. Vorhersehbar? Vielleicht. Aber Boyle baut Humor ein - keinen brachialen, aber einen humanistischen. Niemals wird das Drama zu streng und stets legt sich eine feine Süße über die böse Welt. Zumindest bis zum tosenden Finale, welches einmal mehr die Romanversion von Grapes of Wrath zitiert.

2/03/2012

Entourage, Season 8, Doug Ellin

Hier. Michelle Obama findet's knorke. Das bewährt Konzept wird weitergeführt, aber ein leichter Grusel stellt sich wieder ein. Nicht weil Turtle Millionär wird.

Klar geht es um Berühmtheiten und dessen kalifornische Inkarnationen. Es geht um die Unterhaltungsindustrie und die Menschen, die dort beschäftigt sind und immer frisches Quellwasser und Dinkelmuffins im Eckchen haben.

Diesen leichten Grusel hat der Konsument auch bei der Klonarmee aus den fortgesetzten StarWars-Produkten... das sind alle die Gleichen, aber nicht die Selben. Die arbeiten gemeinsam an einem Projekt aber es gibt feine Hierarchien. Wie werden selbige angelegt und festgelegt? Die Hierarchien bei Entourage sind ähnlich unklar verflochten. Wo ist der Autor, wo ist der Zuschauer, was ist der Inhalt und wie weit "draußen" ist das? Ob sich Michelle Obama auch diese Fragen stellt sei dahingestellt.

2/02/2012

Der Golem, wie er in die Welt kam, Paul Wegener, Carl Boese

Hier und hier. Alles so schön bunt hier! Die einmaligen Bauten und die stimmungsvolle Kolorierung lassen den Golem fast in die Nähe von Fantasia rücken.

Inhaltlich ist freilich alles herrlich knifflig: der Rabbi baut im Judenghetto den Urahn von Frankenstein zusammen, dessen Bewegungen auch noch beim T800 Verwendung finden werden. Wer haut denn da mit Lehm, der sollte sich was schäm', der sollte doch was andres nehm' als ausgerechnet Lehm. Wieviel Märchen ist da drin und wieviel Signifikanz kann man dem zuweisen? Der Golem an sich und diese einmalige Verfilmung passen nahtlos in schon lange geführte Diskussionen über Individualität, Utilitarismus, totalitäre Verantwortung und verwirren die Sicht mit ein wenig Melodrama und Drolligkeit.

Das letzte Mal stand der nimmermüde Golem beim siebzehnten Tree House of Horror im Mittelpunkt und auch beim famosen 2000er Wälzer von Chabon, der sich um die Anfänge und Notwendigkeiten des Superhelden-Kanons dreht.

Panzerkreuzer Potemkin, Sergei M. Eisenstein

Hier und hier. Mit stählerner Wucht pflügt der Film voran. Episches Kino ist das wohl: das Schiff ist mehr als die Summe seiner Mannschaft und die allumfassenden Geschehnisse an Bord werden durch ihre Fortsetzung im Hafen nur weiter entzündet... es ist eher eine Welle, die sich in fünf Kapiteln auftürmt und die dann, nach viel Rollen und Grollen, die Küstenlinie nachhaltig verändert.

PP ist jenseits vom politischen Film, vom Drama, von jedem Wort das man heute an Filme anlegen könnte. Es ist die filmgewordene Wucht. Die Darstellung des Individuums ist Eisenstein recht egal, so scheint es: zwar macht er von einmaligen Nahaufnahmen der Gesichter der Beteiligten Gebrauch doch es stets steht das Schicksal der Allgemeinheit (wie auch immer man die ohne Einzelmenschen denken kann) im Mittelpunkt. Was Kameras so alles können.

1/22/2012

American Tabloid, James Ellroy

Hier. Erwartungsgemäß liegt dieses Werk schwer im Magen. 600 Seiten und winzige Absätze, Gewalt und Verachtung in jedem davon. Laut Vorwort ist dieser von der Echtwelt beeinflusste Roman eine Stimme gegen die Idealisierung von JFK und die gängigen Mythen um seine kurze Regentschaft.

Ellroy zerhackt Camelot und alle Hoffnung auf eine durchsichtige Demokratie. Natürlich kann man sich da nicht mit einem der Protagonisten (Säufer, Triebtäter, Mörder) anfreunden. Das flinke Auftauchen und Ableben der sinistren Gestalten erschwert sowohl die logische als auch die emotionale Orientierung. Sehr fein sind zwischendrin die Briefwechsel zwischen den Kennedys, ihren Lakaien, J. Edgar Hoover und Howard Hughes. Ein wilder Trupp wahnsinniger Männer. Ellroy ist vielleicht auch einer - einer der beisst und spuckt und reißt und pflückt.

V for Vendetta, James McTeigue

Hier. Wer verdient eigentlich das meiste Geld mit den trendy Anonymous-Masken? Es gibt schon Omas die damit beim Rewe spazieren fahren. Das ist schade, aber nicht wirklich überraschend. Hat Kim Schmitz auch eine? Seine Rächer schon. Verwirrend.

Der Film jedenfalls ist angenehm britisch. Die Aussprache ist herrlich treffend und vor allem Agent Smith macht einen großartigen Job, obgleich er nie sein Gesicht zeigt. Umso besser! Der großartige Alan Moore hat Comics und ihre Protagonisten zweifellos verstanden und kann trotzdem die entschlüsselten Elemente herrlich wieder zusammenfügen.

Die Omas beim Rewe sind nicht teil des reinigenden Aufstands. Die echten Blackberry-Unruhen in London letztes Jahr waren nur bedingt unter einem/r gemeinsamen Motto/Maske zu verstehen. Das schöne an V wie Vendetta ist die Geschichte, die nach vorn prescht, sich zwar revidiert, aber schlussendlich doch an einem Einzelnen aufgehängt werden kann. Alles nur Spaß oder wie?

1/18/2012

William S. Burroughs: A Man Within, Yony Leyser

Hier und hier. Hier stimmt alles: eine schwer zu fassende literarische und kulturgeschichtliche (und -theoretische) Figur wie Burroughs wird in klaren abzählbaren und stimmigen Kapiteln vorgestellt und nicht vorgeführt. Da will man fast herumseiern wie zur besten Sendezeit und fragen "Was ist ein Mensch? und "Wieviel hält er aus?" und "Ach!". Doch die Freude hält nicht lange... verstohlen schiebt sich das schlechte Gewissen herein und dann gleich wieder die Sorge. Wie kann denn so einer ein Inspirator sein? Burroughs ist eine einzige Komplikation, der Komplikationen auch noch auf einzigartige Weise darstellen konnte. Ist Inspirator nicht so etwas ähnliches wie ein Vorbild? Das kann doch kein gutes Vorbild sein! Halt die Fresse, Über-Ich. Jetzt wird ent-trigonomiert.

Burroughs ist nur etwas für Erwachsene, die den Status des entgültigen und erhellenden Erwachsenseins aus gutem Grund anzweifeln.

Ein wichtiger und umfassender Film, der sich weder zuviel anbiedert und in Rechtfertigungen verliert noch mit nebulöser Strukturhaftigkeit Teile des Gesamtwerkes zu replizieren versucht. Und Iggy ist dabei. Und Gus. Und Patti. Und John (Waters). Herr Depp stand bestimmt vor der Tür und wollte unbedingt auch noch mitmachen. Aber nichts für ungut.

Und jetzt erstmal die Waffe geladen. Auf zum Einkaufen.


1/17/2012

The Girl with the Dragon Tattoo, David Fincher

Hier. Klassenziel nicht ganz erreicht, Versetzung nicht gefährdet. In diesem viel zu langen Thriller wird in der ersten Hälfte viel gegessen und getrunken. Dann wird ewig lang und überraschungsfrei Ekel gefeiert.

Die Grundvorraussetzungen waren ja eigentlich eher schlimm: ein Bestseller mit einem voll starken weiblichen Protagonisten (uh!) aus dem mittelschichtlerischen Schweden der sich einer zweihundert Jahre alten gotischen Tradition bedient.

Immerhin wird durch die feine Oberklassenästhetik deutlich wie klar der Stil von Fincher mittlerweile sein kann und wie schlecht doch eigentlich der Roman (2010 konsumiert) war. Toll sind neben den Aktionsbildern auch die Töne. Reznor ist jetzt Komponist, kein Rockstar. Einer der verkabelten Freunde des gefährlich frisierten Mädchens trägt sogar einmal ein NIN-Shirt. Hihi.

1/15/2012

The Road, John Hillcoat

Hier. Ein alter Angstgegner. Angst, dass er zu schlecht ist: das würde einem den Roman verleiden. Angst, dass er zu gut ist: das würde einem den Roman verleiden.

Aber irgendwie geht alles gut denn Hillcoat kann tatsächlich den Grundtenor der kargen Sprache McCarthys in eindrucksvolle Bilder packen. Dabei hält er nie voll drauf sondern ergeht sich in Beige und Grau und dann Braun und wieder Grau.

Ist noch einmal gut gegangen. Das wichtigste Buch der letzten fünf Jahre wurde verdient behandelt. Der wichtigste Film ist nicht entstanden - aber man wird ihn trotzdem nur höchstens einmal im Jahr anschauen können. Das schaffen nicht viele.