1/03/2010

Bald weniger Konsumfrust

Nach dem konsumierten Unfug gestern, der eigentlich nur frustrierend ist, wurde nach besserem Kram gesucht und es wurde dieser Promo-Trailer für Inherent Vice gefunden, welches hier auf dem Regal liegt und der Durchpflügung harrt.

Eigentlich ist hier ja kein Platz für Werbung (nie!). Aber bei dem Produkt und dem Produzenten macht man schon eine Ausnahme.

Obacht: das soll Pynchons echte Stimme sein!

G.I. Joe: The Rise of Cobra, Stephen Sommers

Was für ein Quatsch. Erwartet wurde leichter Quatsch mit netten Bildern, doch die klinischen Effekte konnten nicht für die arg debilen Dialoge entschädigen. Ja, war vielleicht ein Fehler, den Ton anzulassen... aber man muss doch auch das Wumms der Explosionen hören können.

War das Vehikel im Kino erfolgreich? Wenn ja, dann geht eine erhobene Faust Richtung Samstagnachmittagszeittotschlagaktivitäten mit den nervigen Preteen-Kindern. Selbige sind dann kurz vor zwanzig so bräsig, dass sie nur noch als Sandsack in Falludscha anheuern können.

Go Army.

Das Gesetz der Ehre, Gavin O’Connor

Was ist das denn? Mal wieder ein furchtbarer deutscher Titel, aber der englische ("Pride and Glory") ist auch nicht viel besser. Wie soll man auch innovativ sein beim ältesten und konventionellsten Genre der Spannungsunterhaltung, das auf Zombies verzichtet und tricorderfrei funktionieren soll?

Was bleibt im Gedächtnis? Die Western-Zitate, vor allem der Showdown an der Bar. Das machen die Jungs unter sich aus. Es geht ja um Ehre und Gesetz und so. Daddy hat eine Meinung, die nur bedingt akzeptiert werden muss, und die drei Macher-Männer verkörpern alternative Herangehensweisen an das Stadtproblem - den NYC-Sprawl, der Menschen mit Migrationshintergrund in Crack-Nutten verwandelt. Die Stadt bestraft dann auch die Missetäter.

Und worüber könnte man jetzt nachdenken? Über das Unwort "Korruption", welches gern im Zusammenhang mit afrikanischen Staaten oder dem ehemaligen Ostblock benutzt wird. "Ko" wie "mit". "Ruption" wie in "Eruption", also Ausbruch. Alle brechen gemeinsam aus. Alle leben in ihrem Zeitgehäuse und zerstören an mehreren Stellen das Makrosystem (das mit der "Ehre" und dem "Gesetz" und solchen Phrasen). Die Stadt bestraft die Missetäter. Es gibt keine individuellen Richter, nein, das Subjekt und die subjektiven Mächte und Verantwortlichkeiten sind bequeme Fiktion. Korruption.

Und jetzt einen Milchshake.

12/28/2009

I Am Legend, Francis Lawrence

Hass, Hass, Hass mit dem US-Präsidenten der 2030er.

Das Zuhause ist auch ein Gefängnis. Der Mob da draußen ist die Mehrheit. Die Mehrheit hat nur Fressen im Sinn. Die Mehrheit hat einen großen Hass auf die Marginalisierten, auf die einzelnen, auf die, die legendär werden können.

Und trotzdem ist der Rückzug gefahrvoll: irgendwann bittet der Verlorene die tote Materie, zu ihm Hallo zu sagen.

Die Hölle, das sind die Anderen nur bedingt: die Hölle ist es, wenn man in einer Welt der digitalen, binären Nähe lebt und jedwede analoge Gemütlichkeit verloren hat.

City of Thieves, David Benioff

Achja, Stalingrad: war das nicht der Ort, an dem es so kalt war? Benioff ist Hollywoodschreiber und hat die Odyssee/Mär seines Großvaters aufgezeichnet, der sich auf der Suche nach einem Dutzend Eier mit Nazischergen und Frostbeulen herumschlagen musste.

City of Thieves ist feiste Unterhaltung und beweist, dass Disney-Prinzipien die dicken Lettern WWII einholen können. Freilich gibt es hier Minen und Trümmer und Soldatenbrautpferche, aber das alles wird durch den drollig scheinjüdischen Protagonisten (ist er nun oder ist er nicht? Eine infame Unsicherheit!) und seinen han-soloesken sidekick supersüß serviert. Und wenn es doch ein wenig gruseln soll, dann werden einzelne Kinder oder ganze Familien gefressen (die Teile halten sich gut im Frost an der Decke) oder einem SS-Spielzeug der Fuss abgesägt.

Der Roman ist wie zuviel Cola an einem heißen Tag: schön für den Moment, doch nach dem Verzehr seltsam klebrig. Die Coens könnten aber einen akzeptablen Film draus machen - darauf spekuliert Benioff vielleicht.

12/21/2009

Marabou Stork Nightmares, Irvine Welsh

Der Autor traut sich mal wieder, die Seite zu verlassen. Drei Ebenen sind zu verzeichnen: da ist die Biographie des Helden, die episodisch erzählt wird und auch seine wüste Afrikaphantasie, bei der er auf Marabujagd geht. Das hier und jetzt ist ein Koma, dessen Ende er tunlichst herauszögern möchte. Jeder Traum ist besser als die Erinnerung an sein klumpiges Leben zuvor.

Welsh kennt sich aus mit Fremdscham: er schildert die dumpfen Eltern und den anderen Genmüll des mitleiderregenden und leidverursachenden Protagonisten in all ihrer fiesen Dumpfheit. Wenn Mama James-Bond-Medleys intoniert wird auch dem Leser übel.

Und deshalb ist Welsh auch nicht einfach nur schottischer Lokalkolorierer: er hat verstanden wie mannigfaltig Aggression sein kann und wie nachvollziehbar die Benutzung chemischer Substanzen somit ist. Der Edinburgher Frust ist der Frust des einzelnen, in den Mallruinen gestrandeten Einzelkämpfers, der zwischen geschwängerten Cracknutten und Bratfettfetischisten gefangen ist. Auch Hooligans wie der Protagonist der MSN wurde verursacht.

Schön auch die Erwähnung von Begbie am Rande: der soll jetzt Möbel verkaufen. Ja, dem Welshiversum darf man nicht entkommen. Und wenn die Schlampe n' Glas auf'n Kopf kriegt, was ist denn schon dabei?

12/16/2009

Zombieland, Ruben Fleischer


Hier.
Nicht ohne mein Banjo.

Dies ist ein herrlicher Film. Er ist genau, nicht zu laut und nicht zu leise, er ist bunt und dunkel und die Schusswaffensounds sind herrlich.

Selten wurde so offen gezeigt, wie realitätsnah die zombiebezogene Problematik doch ist. Die vorgestellten Überlebensregeln reichen aus, um die irdische Existenz einigermaßen erfolgreich zu begehen. Die Bedrohung Z ist da nur die Personifikation der geballten Dummwucht des Packs da draußen, das Tropenholzpappschachteln um ihre Hormonbuletten duldet und dergleichen.

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Ein herrlicher, wunderbarer und dank des Banjos auch sehr musikalischer Film.

12/14/2009

Read Hard, Ed Park & Heidi Julavits, eds.

Whoa! Journalismus! So kann es auch gehen? Unerhört!

Also: Read Hard ist ein Schrank voller amerikanischer Essaykunst, die sich mit diversen Dingen mehr oder weniger journalistisch beschäftigt. Groteskes, Gehetztes, Vergessenes, Kerker und Drachen, Transsexuelle, Autofahren, schlechte Drogen, Biographisches, Menschen, Menschen, Menschen.

Die Sammlung ist eine multiple Kreuzung: in viele Richtungen kann nun weiter gegooglet werden. Brian Evenson wurde durch diese Texte gefunden, und arg persönliche Popkulturmelancholie auch.

Warum gibt es hier keine Zeitschriften, die sowas können? Qualitätssicherung und kreative Freiheit in einer ansprechenden Vielheit. Das System der Zielgruppendiktatur gehört filetiert. Kauft doch Bild und Neon, ihr Kunden.

Hier ein Link zum Believer, ihrem Verlag sowie dem konkreten Produkt.

The Open Curtain, Brian Evenson

Hier ist nicht die einzige Notizenhalde zu diesem Werk von Brian "Mormonenschocker" Evenson: da auch.

Jedenfalls enthüllt der offene Vorgang nur sich selbst, beziehungsweise die unerträgliche Vorhangsexistenz in eines jeden irdischen Leben.

Ja, hier werden Körper-Geist-Phänomene behandelt. Ja, es geht ruppig zu. Ja, es geht wieder um die Rolle des Glaubens der Christen und/oder Mormonen. Nein, es hat nichts mit Stephen King zu tun. Nein, es hat nichts mit Gottesvereumelung zu tun oder mit Mörderkult. Evenson unternimmt einen energiegeladenen Grenzgang und zeigt enorm viel Brüchigkeit bei Augen, Zeugen, Augenzeugen und irdischen Fleischgefängnissen.

Und wenn dieses Geschwafel nicht zum Lesen auffordert, hier die Kurzfassung: supergut. Dieser Text ist eine Freude, und dazu noch innovativ und vorsichtig weise.

Hier Evensons HP.

12/12/2009

The Steel Remains, Richard Morgan

Die Rumpelfantasy kommt ziemlich in Schwung. Und wie sie rumpelt! Die Sensation vorweg: einer der Helden ist ein schwertschwingender Hallodri, der nicht auf Frauen steht. Allerhand! Und dabei liefert er genug testosteronoide Barbarengesten ab, um als Held zu bestehen. Recht so! Nieder mit der Tolkienschen Asexualität und dem diesbezüglichen Schweigen im Genre! Wenn Leiber so divers zerhackt werden, dann können sich Leiber auch divers annähern.

Morgan hat das erste von drei geplanten Werken geschrieben (ja, das Genre neigt weiterhin zur Oper) und macht klar, dass in diesem erbarmungslosen Prügelkosmos auch Elfen-KZs erwartbar sein können. Genau wie Abercrombie steht dem Ding keine Weltkarte vor, so dass man sich die fiktive Geographie ableiten muss. Gut so. Fantasy-Karten sind was für asexuelle Axtschwafler! Sauron hat den Punk nicht verstanden, hu?

Girlfriend in a Coma, Douglas Coupland

Coupland ist wie ein guter Kuchen: nicht so öde wie Brot und nicht so wuchtig wie Torte, und es gibt immer interessante Fruchtstückchen und ein schönes Belag-Teig-Verhältnis.

Auch dieses Buch ist kurzweilig und lustig, doch das Ende nervt. Es ist eine Sache, respektlos mit Sci-Fi-Elementen umzugehen, doch eine andere, kurz vor Schluss doch noch artig zu kuschen. Mehr Konsequenz bitte! Es darf gestorben werden, hu? Hier arbeitet sich DC ein wenig zu krampfhaft an dem monströsen Schatten ab, den GenX immer noch wirft. Bei JPod ist ihm das besser gelungen.

DC hat sich nicht blamiert, doch für Einsteiger ist dieser Roman kein richtiger Einheizer.

12/07/2009

My Bloody Valentine, Patrick Lussier

Hier.

Das ist ein Probehäuschen, damit das schöne neue Baubesteck benutzt werden konnte. 3D heißt das reanimierte Schlagwort und Verkaufsargument bei diesem Produkt und es ist tatsächlich was drin, im Sinne von raumtief drin, was draufsteht.

MBV ist ein Slasher, bei dem optisch erträgliche Menschen in unansehnliche Fleischgarnituren verwandelt werden. Die Morde sind mit Bergbauästhetik versehen. Spitzhacken und so.

Das macht Sinn: erstens gibt es Stollen und Höhlen, welche die Möglichkeiten der Raumvertiefung gut nutzen können. Zweitens gibt es offene Wunden und Kavernen der Entleibung (quasi eingefaltete Gewalt am postlebendigem Subjekt).

Und es ist eine Schau: vielleicht liegt es an der Neuartigkeit der Technik, doch hier wird Kino deutlich extremer. Das Auge fliegt mit: nicht nur der Realitätsausschnitt wird nun durch sanfte Vergewaltigung durch den Kinematographen vorgegeben, nein, auch die Realitätstiefe wird nun vorgegeben. Fokus hinein, Fokus hinaus. Schön auch die handwerkliche Sauberkeit der Produzenten: oft wird per Bildsprache die neue Technik kommentiert und dadurch vorgeführt.

Avatar kann nicht so schlecht werden, auch wenn es nur um Blaue Wunder und Karl May geht, wie die Postillen behaupten.

The Yiddish Policemen's Union, Michael Chabon

Hier.

Dystopische Textunterhaltung in Cinemascope. Wäre da nicht diese Sache mit den Juden... Ganz vorweg: Chabon ist kein eindimensionaler Provokant. Aber die Welt, die er schildert, ist doch eigentümlich politisch geprägt. Zunächst entspannt die Lektüre die furchtbar komplexe Thematik namens Israel und dann macht Chabon doch den Sack zu, indem er beispielhaft mit seinen Protagonisten das Phänomen der Ortlosigkeit sichtbar macht. Alaska, temporärer Rückzugsort der Juden nach WW2, wird geschlossen. Wohin jetzt? Wer macht den Abwasch auf einem sinkenden Schiff?

Die Kerngeschichte ist ein wundervoll angenoirter Thriller mit Goldfingern und Octopussies, und der fabulöse Hintergrund lässt ihn glänzen. Letztlich ist das Thema ja ein altes, nämlich die Rechtfertigung von lähmender Verzweiflung. Zur Entortung kommt die Entzeitung, und so führt Chabon seinen Roman zwar nicht in ätherische Höhen wie seinen Kavalier and Clay, aber er bringt schon ordentlich Distanz zwischen ihm und dem Erdboden.