11/30/2009

Law Abiding Citizen, F. Gary Gray

Uh, schroff. "Gesetz der Rache" auf Germanisch.

66% des Films gefielen. Und dann ist das Studio eingeschritten. Das Ende ist dämlich, undankbar, verwüstend und einfach doof. Dabei ist keiner der Darsteller ein Unsympath, nein!

Was passiert bis dahin? Rache wird gefeiert, dieses Grundelement menschlicher Existenz und bald einziges Leuchtfeuer in einer enttraditionalisierten Welt. Rache spüren heißt, dass man eine Waage im Kopf hatte, die durch irgendetwas aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Man bedient sich dann des Füllwortes Gerechtigkeit und schüttet Kinder mit dem Bade aus.

Eigentlich ist das dann immer eine Schau, denn außer in Rachefilmen kann nur noch in Zombiefilmen die Zerstörung zuckender Leiber mit Wonne gefeiert werden (bei Kriegsfilmen ist das so eine Sache, denn da ist, uh-uh, immer ein wenig Pathos dritter oder zweiter Ordnung im Spiel).

Nee, unangenehmer Film. Alle sind gegen das System. Na hui. Wo bleibt die Konsequenz? Verflixt.

Shadowdale, Richard Awlinson

Teil eins des klassischen Avatar-Mehrteilers vom Forgotten-Realms-Franchise.

Auweia.

Schlüsselwort für den Konsum dieses Produktes (es wurde vor einigen Jahren zum Trümmerpreis erstanden und war Teil einer melancholischen Rückbesinnung auf die Jugend und die jugendspezifischen Freizeitbeschäftigungen... ja, es war auch eine Konfrontation mit der eigenen nerd-igkeit) war Avatar. Diese Vokabel wird bald vom Pöbel mit dem Blockbuster von James Cameron verbunden werden.

Auch hier geht es um die Fleischwerdung: die Fantasy-Götter haben beef und poltern hinunter auf die Erde (die hier Faerun heißt) und in menschliche Körper hinein (es geht ja auch um Menschengötter... Elfen- und Gnomgesocks hat das Nachsehen). Dann wird munter weitergeprügelt bzw. -konspiriert. Es geht nur einmal in einen Kerker, ein echter Drache tritt nicht auf.

Das ist wirklicher Fantasy-Porno: alle Schwertkampfstellungen werden durchdekliniert und am Ende wird nicht geheiratet. Noch nicht einmal Humor und Ironie bereichern das Werk, es gibt dem RPG-Opfer einfach ein paar Anreize für die weitere Freizeitbeschäftigung. Das Fantasy-Genre ist in der letzten Dekade sehr gewachsen und ist (ähnlich wie die Fleischschauen der Freikörperindustrie) recht krisensicher.

Muss man die nächsten Teile auch noch lesen? Och... Die neueste D&D-Kampagnenwelt heißt ja Eberron. Die soll erfrischend sein und der Virulenz der MMORPGs die Stirn bieten. Vielleicht wandert ja eine derart deklarierte Gebrauchsliteratur bald in den Konsumgraben.

11/19/2009

Father of Lies, Brian Evenson

Gerne machen sich feiertags aufgeklärte Europäer über den Glauben der nordamerikanischen Bevölkerung lustig. Fundamentalismus wird genannt und mit großem tststs wird die Bezeugung der Liebe zu Jesus dort belächelt. Vielleicht könnte deshalb ein kleiner Roman wie FoL hier nicht funktionieren. Muss er aber auch nicht.

Ein Gläubiger hat ein Problem. Er wütet in seiner Gemeinde und vergeht sich an ihren jungen Mitgliedern. Zum Arzt wird er geschickt. Den trickst er aus. Der Gemeindevorstand deckt ihn dabei, allerdings mit einer wahrlich bizarren Heilsrhetorik. Und dann reden auch noch seltsame Gestalten mit ihm, die nur er sehen kann. Das hat nichts mit dem filmischen Sakralhorror zu tun, der unter dem Chiffre 666 laufen könnte. Dies ist die Geschichte eines Vaters, der sowohl Opfer ist als auch Opfer produziert. Treudoofe Schafschristen und Thrillseeker stößt der Roman zwischen die (stumpfen) Hörner.

Evensons Sprache ist schnell und unbefangen, er wechselt mühelos zwischen der Perspektive des Triebtäters und des Vaters hin und her. Keine ist bequem. No line left behind. Vater unser? Vater derer.

Der Autor (hier online, hier wiki) selbst soll wegen eines Romans seinen Job in einer christlichen Institution verloren haben. Sei's drum - der kommt auch noch auf die Liste. Echt gutes Zeug, das. Die Neugierde auf The Open Curtain wächst.

2012, Roland Emmerich

PFFFRRRRRCH! Ka-PFRUCHCHCHCHCHCH! PRPRPRPRUUUFFFFFFFFF!

10.000 BC ist noch nicht verwunden, aber mit 2012 ist Herr E. auf einem guten Weg. Warum? Weil alles so herrlich kaputtgeht. Kaputt ist besser als heile, denn das passiert nur einmal. Raumzeitbruch, events deluxe. Hurra!

Die Schelme der FAZ und anderer morbider Medienhäuser mögen ein Wortspiel mit "Oberfläche" wagen: so wie die Erdkruste aufbricht und ihre Tiefe offenbart, so sehr dümpelt die Handlung des Filmes in stetiger Beschleunigung dahin. Mumpitz! Thema verfehlt, sechs.

Was viele von den gesellschaftlichen Bewahrern (FAZ-Beteiligte, Kindergärtner, Polizisten, nüchterne Kneipiers) nicht verstehen wollen: nur in der Apokalypse ist endlich was los, nur bei der rückhaltlosen Zerstörung hat der Betrachter die Chance, das Erhabene zu erleben. Deswegen ist wahrscheinlich auch das Panorama des WW2 so ein Evergreen. Das ist mehr als Flucht, das ist auch Selbstauflösung.

11/16/2009

Der Informant!, Steven Soderbergh

Vielleicht ist das ein Neidfilm. Brad und George haben den famosen Burn After Reading gemacht und die Groteskereien der Coens ausgelotet. Soderbergh benutzt also den dritten Ocean's-1X-Stern und macht seinerseits einen Film über seltsame Begebenheiten und noch seltsamere Menschen. Nagut, das muss nicht stimmen.

Der Informant! verteidigt Paranoia als Status Quo und befreit sie aus der Spinner-Ecke. Freilich ist alles verknüpft und ein jeder belügt jeden und freilich muss ein jeder sein eigenes Lügennetz spinnen, um den Unwahrheiten der unsichtbaren Feine kühn zu begegnen! Der Humor ist dabei weniger HAHA als eher drollig, aber sehr sympathisch. Das hätte schiefgehen können. Ist es der Bezug auf eine reale Geschichte, der die größten Faxen verhindert? Aber vielleicht ist selbst diese Geschichte nur eine ausgeschmückte Halbwahrheit, die von den Intentionen dutzender Erzähler durchdrungen in den Seilen hängt. Und vielleicht beweist Soderberghs Film, dass man ein Komplott nicht durch Schweigen, sondern durch wahnhafte kommunikative Störfeuer zur Implosion bringen kann.

Radikale Materialentfremdung: es beginnt mit Mais und endet in virtuellem Finanzgeschacher. Dazwischen? Ein als "gestört" bezeichnetes psychisches System, das vom Schnauzbart kommt und zur Plautze wird.

Herrn Damon hätte man das nicht zugetraut. Welch uneitle Rolle, die dann auch noch so treudoof und angemessen gespielt wird! Das hat das Marketing schon berücksichtigt, aber trotzdem. Sehr gut. Jetzt darf er sich auch wieder als Bourne herumschubsen.

11/10/2009

The Omen, Richard Donner

1976! Und doch anders als erwartet. Der Exorzist legte drei Jahre zuvor den Standard fest, der bei Rosemary's Baby noch nicht abzusehen war.

Wieder das Motiv des bösen Kindes, im Falle vom Omen aber mit besserem Marketing, da der Signifikant "666" so schlüssig wie auch prägnant durch die marketing-Hallen driften kann. Diverse Fortsetzungen hat's gegeben, doch keine soll so sein wie das Original mit Gregory Peck.

Zwei Horrorelemente sind zu nennen. Zum einen freilich das böse Kind. Da ist die verfluchte Familie, eine sich durch Zeit und Raum fortsetzender Gen-Stamm, der irgendwann sabotiert weil infiltriert wird. Der ultimative Andersartige von Ultra-Draußen, der Teufel, schleicht sich in den Kern des Menschengefüges ein und erobert das zukünftige Potential. Kinematographisch wurde das sehr subtil eingefangen und der gegen Ende zerbrechende common sense kann lange auch vom Zuschauer mitgetragen werden. Die sogenannten "Schock"-Szenen sind wohldosiert und sitzen. Ist ja auch kein Splatter, hu?

Zum anderen gibt es den Horror der 1970er. Diese Zeit ist ekelhaft in jeder materiellen Beziehung: Haare, Mäntel, Telefone, Autos - WIDERLICH. Wie konnten die Menschen in einer so erdrückend anti-ästhetischen Gegend überleben? Dieses Jahrzehnt (und kein Atomkraftwerk) rechtfertigt das Anlegen von unterirdischen Endlagern. Der ganze Mist von damals muss einfach versenkt werden, so dass kein Auge mehr von derartiger Hässlichkeit vergewaltigt wird.

The Brief Wondrous Life of Oscar Wao, Junot Diaz

Pulitzer-Preis, Ethno-Atmo, big business. Warum sollte das gute Literatur auszeichnen? Diesmal passt es aber: Diaz entstaubt den altbackenen Terminus der "Tragikomödie" und schildert in eindringlichen Worten und mitreißendem Tempo eine mehrere Generationen und Ären (Ähren? Wohl eher Zuckerrohre! Ha!) durchfließende Geschichte.

Mehr Informationen freilich beim wiki.

Genetik ist dabei nur ein Teil der Verbindung. Der andere Kleister ist Popkultur: Oscar ist ein Nerd deluxe. Er kennt den ganzen SciFi-Ramsch und bekommt keine Lady ab. Als Latino-Tolkien will er über Dynastien und große Opern schreiben und so seine raumzeitliche Isolation überwinden. Pech bei den Ladies, Glück an der Kinokasse und im Buchladen. Oscar ist eine genetische Sackgasse. Ein patriarchalischer Endpunkt, der der zerfallenen Macho-Dikatur in der Dominikanischen Republik entspricht, welcher seine "Blutslinie" nur knapp entkam.

Eines der besseren und überraschendsten Bücher dieses Jahres.

11/03/2009

Totems Flare, Clark

Endlich fand dieses Ding seinen Weg in den Graben, und der Gräber ist begeistert. Somit stimmt er der Fachpresse zu. Klingt so die Zukunft? Nein, die gibt es ja gar nicht. Clark klingt noch frischer als auf dem letzten Album.

Mit diesem Soundtrack ist die Welt eine andere.

Hier bei Warp.



10/30/2009

Pattern Recognition, William Gibson

Oioioi, einen dicken Wiki gibt es dazu.

Gibson ist vielleicht so wichtig wie Philip K. Dick und dazu auch noch lebendig. Deshalb erhalten seine Werke auch so viel Aufmerksamkeit. Pattern Recognition war sehr süffig, allerdings keine Revolution. Schaurig ist es nur, dass einige Mitkonsumenten das Ding vielleicht konsumieren und erst dann wirklich mit anderen Augen auf ihre Umgebung schauen.

Es geht freilich um die Mustererkennung im technokratisch-kapitalistischen Makrosystem, welches die globalisierte Welt als Spielplatz nutzt und die Protagonistin (die eine verblüffende Psi-Kraft bezüglich marketing hat) auf eine detektivische Queste setzt. Vielleicht ist PR (uh! welch doppelbödige Abkürzung!) so ein Erfolg geworden, weil Genre-n00bs jetzt auch einen Gibson lesen können und der ihre kleinen mainstream-Geister nicht mit echter science-fiction überfordert.

10/26/2009

Matrix Reloaded, Wachowski Bros.

Ja, schon wieder. Es war ein Unfall.

Was bleibt im Gedächtnis? Die graublaue Staubromantik von Zion, die im dritten Teil so fulminant mit orangenen Flammen harmoniert. Und die Oberflächlichkeit: der Auserwählte ist charismatisch wie ein Joghurt und nur die Geschichte um ihn herum macht ihn zu dem, der er sein soll.

Genial wie immer das Duell auf dem Highway: eine Linie mit zwei Richtungen verschwimmt zu einer tödlichen Umwelt. Es gibt nur Vorwärts oder den Tod und am Ende verpufft die gesammelte kinetische Energie in schöner Zeitlupe: sie kann in keine dritte Dimension entkommen, das können nur die Menschen/Reisenden.

10/22/2009

Go-Go Girls of the Apocalypse, Victor Gischler

Go-Go ist beschleunigte Fleischbeschau, und somit ist die Maxime dieses Romänchens auch schon genannt. Sehr kurzweilige Apokalypsenmischpoke mit flachen Charakteren, einer hinkenden Logik und Kannibalen. Maccaroni mit scharfem Käse. Mad Max mit D&D. Einhändig zu konsumieren, hu?

Gischler ist zu wünschen, dass einer der jungen Splatter-Regisseure sich seines Oevres annimmt und einen netten 90-Minüter konzipiert.

Away We Go, Sam Mendes

Zuerst hat man den Begriff "Kindheit" erfunden. Dann den Begriff "Jugend". Dann stritt man sich ob der chronologischen Grenzen und um die Restbedeutung von "Erwachsensein". Konsens scheint nun zu sein, das derjenige erwachsen ist, der Kinder bekommt. Dieses Ereignis lädt zum Rekapitulieren ein, der Beginn eines neuen Menschen ist ein biographischer Höhepunkt.

Junges Paar bekommt ein Kind und checkt die Familienmodelle von Freunden und Verwandten aus, um danach den offensichtlichen Schluss zu ziehen. Eine Odyssee mit dickem Bauch, quasi.

Sam Mendes, der kinematographisch arbeitende Familientherapeut der USA, hat AWG eher analog und knarzig und klein gefilmt. Die prominenten Nebendarsteller wirken da zum Glück nicht befremdlich, alle lassen sich auf das unabschließbare Projekt "Familie" ein. Ein schöner Film. Kein Eimer Weisheit, sondern eine Einladung zum Weiterleben.

10/20/2009

Tricks, Ridley Scott

Im Original "Matchstick Men".

Vielleicht ist das einer dieser Filme, bei denen Herr Cage Bock zum spielen hatte, die soll's ja auch geben. So könnte man erklären, dass er den ultraneurotischen Tagedieb so sympathisch spielt. Die Pointe des Films ist ein wenig wie Fight Club oder Sechster Sinn, aber das ist auch richtig so: bei jedem Trickbetrug gibt es ein großes Finale.

Sam Rockwell hätte mehr Spielraum verdient. Er ist einer von den Guten und hat das schon oft bewiesen.

You Don't Love Me Yet, Jonathan Lethem

Um Tiefe zu haben, braucht man auch eine Oberfläche. So kleinlaut huldigt Lethem diesmal der emotionalen Wahrhaftigkeit der menschlich aufgeladenen Kulturindustrie. Kleinlaut? Naja, dezent: Bei der Festung der Einsamkeit ging es um das Erhabene im Alltäglichen. Lumpige Comichelden haben den lumpigen Lebenskosmos in New York in eine epochale Mannwerdungsgeschichte und deren Schilderung geadelt. Die Festung ist ja auch ein ziemlich dickes Buch, das sich über mehrere Jahre erstreckt.

YDLMY spielt zwar nicht in NY sondern in LA aber Lethem beschreibt wieder, dass Pop eben nicht bloss ein Platzgeräusch am Rand "echter" Existenzen ist sondern deren Mörtel. Zwischen Hipness, Bandkultur und Galleriensnobbereien strauchelt die Protagonistin über die schon von Coupland geschilderten urbanen Alterszwänge. Teils ist das sehr witzig und teils infam. Aber am Ende wird alles gut, denn Lethem ist kein Zyniker. Er versucht, Tiefe aufzuzeigen, ohne dass er sie hinter allzu austauschbaren Oberflächen versteckt. Auf drollige und kurzweilige Weise schafft er das hier.