In ca. fünf Stunden wird der Durchschnittsdarm mit Durchschnittskost Gerüchten zufolge fertig. Jetzt elf Tage Unterbrechung: was da alles verdaut werden kann! Pale King fast fertig, Ayn Rand ist im Gepäck. Mal sehen.
8/30/2011
Freaked, Tom Stern, Alex Winter
Hier. Das muss verdaut werden. Avatar war Firlefanz. Hier geht es so richtig schön in die 1990er und alle brechen Neonfarben und niemand hat ein Telefon und Bill und Ted sind im Kino gewesen und Pop wird mit dem Zerfall der vermeintlichen Gegenkultur im Osten Sinnbild der Sinnentleerung und des globalisierten Dumpfsinns.
Aber Freaked ist trotzdem drollig. Voller Überschwang gehen hier alle ans Werk und verzapfen beharrlich Irrsinn. Es geht um Mutanten und deren Produktion und die Zwangswirtschaft, die mit den vermeintlichen ästhetischen Außenseitern betrieben wird. Die Maskenbildner kamen so in Schweiß, dass die CGI-Atzen von heute den Film vielleicht gar nicht mehr verstehen.
Brooke Shields und Mr. T in EINEM Film. Mehr kann man nicht verlangen.
Aber Freaked ist trotzdem drollig. Voller Überschwang gehen hier alle ans Werk und verzapfen beharrlich Irrsinn. Es geht um Mutanten und deren Produktion und die Zwangswirtschaft, die mit den vermeintlichen ästhetischen Außenseitern betrieben wird. Die Maskenbildner kamen so in Schweiß, dass die CGI-Atzen von heute den Film vielleicht gar nicht mehr verstehen.
Brooke Shields und Mr. T in EINEM Film. Mehr kann man nicht verlangen.
8/18/2011
Hurra, Seitenleiste wieder da
The Church of Dead Girls, Stephen Dobyns
Hier. "Populäre Belletristik." Es ist ein Kleinstadt-Thriller, also eine Geschichte, die sich mit dem Zerfall einer eigentlich als homogen erachteten Gemeinde befasst. Irgendwann sind ein paar Mädchen tot und irgendwann drehen alle durch. Auswärtige werden angefeindet, alte Feindschaften brechen auf und in Zorn und Angst verfällt der Mob in Raserei.
Beeindruckend der geradezu klaustrophische Plauderton des Biologielehrers, der die Geschehnisse erzählt und teils in sie eingreift. Jaja, die Lehrer. Naturwissenschaft. Was nutzen denn sezierte Frösche wenn es doch viel mehr zählt, ob und wie man zur guten Seite gehört? Kurzweilig, ja.
Beeindruckend der geradezu klaustrophische Plauderton des Biologielehrers, der die Geschehnisse erzählt und teils in sie eingreift. Jaja, die Lehrer. Naturwissenschaft. Was nutzen denn sezierte Frösche wenn es doch viel mehr zählt, ob und wie man zur guten Seite gehört? Kurzweilig, ja.
8/15/2011
The Daring Young Man on the Flying Trapeze, William Saroyan
Hier, nicht hier. Das ist eine Moderne, wie sie passt. Kurzgeschichten von enormer aufrichtiger Schreibe, die um eine Position kreisen: der mittellose junge Mann vor der Schreibmaschine in der urbanen Ödnis. Er hat ein Fenster, er hat wenig zu essen, aber er hat noch ein paar Seiten leeres Papier für die Schreibmaschine. Mal wird mehr beobachtet, dann wieder mehr erinnert. Aber immer ist es das titelangebende Trapez, das mitschwingt: am höchsten Punkt wartet die Schwerelosigkeit. Für einen Moment kann man das Ganze loslassen. Für einen Moment wird man vom Ganzen losgelassen. Für einen Moment könnte man einfach loslassen und gegen die Innenwände der Manege donnern. Mehr als ein Absatz beinhaltet sternenscharfe Lyrik. Recht so.
8/13/2011
Revelation Space, Alastair Reynolds
Hier. Die Weltraumoper ist eine eigene Sparte in der Sparte und zeichnet sich durch intergalaktische Melodramatik, Versatzstücken aus Mantel-und-Degen-Akrobatik, tech porn und hoher Seitenzahlen aus. So auch dies hier. Prägnant geht anders.
Denn hier wird vor allem ausgeufert: das All ist enorm alt, die ominösen Relikte (die MacGuffins hier) auch, und die Reise ist enorm lang und das Schiff ist auch enorm groß. Reynolds zerrt recht extreme SciFi ins Boot, ähem, shuttle: Nanobots und Genkontrolle, Fleischrechner und Sporenintelligenz, kristallines Raum-Zeit-Geschwurbel und so weiter. Geerdet werden kann so etwas nur durch Charaktere, die einem irgendwie ans Herz gehen - aber das fällt hier schwer. Die Technologie ist zu extrem, so dass jede menschliche Aktion eigentlich beliebig ist. Die Bühne ist wunderbar ausgestaltet, allerdings verschluckt sie die Helden und Heldinnen. Unangenehm aufgefallen ist die plumpe Sozialkritik, die der Geschichte unterstellt werden kann. Jaja, Meuterei. Gähn. Aber vielleicht ist der Konsument auch einfach zu alt und verbohrt.
Bei den Fans soll RS gut angekommen sein. Sequels gäbe es wohl auch. Im Konsumgraben aber wohl kaum. Zu enorm, das.
8/12/2011
Lethal Injection, Jim Nisbet
Hier. Wie Espresso: kompakt, tiefschwarz, synapsenpeitschend. TBA.
Es ist schon eine magische Geste, die da in den Todeszellen lauert: ein Arzt gereicht die Hand zum Tode. Mit sanftem Druck kommt etwas in die Venen und mit ebenso sanften Druck wird der Verurteilte nachhaltig aus diesem Kasten ausgeschlossen.
Der Protagonist ist Henker-Mediziner und selbst nicht ganz nüchtern und verkompliziert sein eh schon verpfuschtes Leben mit zuviel Nachsorge. Er verfolgt die Fährte des Hingerichteten in entgegengesetzter Richtung und landet in der Finsternis, in der durch Venenverkehr geschwärzten Vorhölle. Unschuld, Erblast, Befleckung und Vergebung: bewährte Themen.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie erbarmungslos nicht nur die Charaktere miteinander umgehen sondern auch wie der Autor mit dem Leser verfährt. Und dass letzterem das auch noch gefällt. Seasons in the abyss: die alte Frage nach dem noirigen Kitzel.
Ein Essay zum Thema zitiert jedenfalls so:
Whether death by needle is easier for the executed is an open question, but surely it is easier for the executioners. By wrapping punishment in a therapeutic cloak, the process feels less morally offensive to those who are required to participate, and it is therefore more bearable. There is a deeper issue as well. "The use of a well-known medical tool, general anesthesia, for execution blurs the distinctions between healing and killing, between illness and guilt.," observes Dr. Jerome D. Gorman, a general practitioner in Richmond, Virginia, who has spoken out strongly on the issue.
Die Disney-Fraktion darf ruhig weiterhin Green Mile lesen. Uff.
Es ist schon eine magische Geste, die da in den Todeszellen lauert: ein Arzt gereicht die Hand zum Tode. Mit sanftem Druck kommt etwas in die Venen und mit ebenso sanften Druck wird der Verurteilte nachhaltig aus diesem Kasten ausgeschlossen.
Der Protagonist ist Henker-Mediziner und selbst nicht ganz nüchtern und verkompliziert sein eh schon verpfuschtes Leben mit zuviel Nachsorge. Er verfolgt die Fährte des Hingerichteten in entgegengesetzter Richtung und landet in der Finsternis, in der durch Venenverkehr geschwärzten Vorhölle. Unschuld, Erblast, Befleckung und Vergebung: bewährte Themen.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie erbarmungslos nicht nur die Charaktere miteinander umgehen sondern auch wie der Autor mit dem Leser verfährt. Und dass letzterem das auch noch gefällt. Seasons in the abyss: die alte Frage nach dem noirigen Kitzel.
Ein Essay zum Thema zitiert jedenfalls so:
Whether death by needle is easier for the executed is an open question, but surely it is easier for the executioners. By wrapping punishment in a therapeutic cloak, the process feels less morally offensive to those who are required to participate, and it is therefore more bearable. There is a deeper issue as well. "The use of a well-known medical tool, general anesthesia, for execution blurs the distinctions between healing and killing, between illness and guilt.," observes Dr. Jerome D. Gorman, a general practitioner in Richmond, Virginia, who has spoken out strongly on the issue.
Die Disney-Fraktion darf ruhig weiterhin Green Mile lesen. Uff.
8/10/2011
Super 8, J.J. Abrams
Hier. Der Unfall des Zuges ist enorm, das muss bejaht werden. Da wurde Michael Bay kurz zitiert. Aber ansonsten menschelt es in diesem entzückenden Breitwandfamilienfilm ganz gewaltig, so dass einem sehr warm um's Menschenherz wird.
Es ist eine alternative Version von E.T. mit mehr Budget. Es ist eine Geschichte, die immer und immer wieder erzählt werden wird. Alle kennen die Schablonen und Formeln, alle kennen die Dialoge und alle müssen lächeln. Und zum Schluss wird nachhaltig aufgeräumt: mit leisem Seufzen löst man sich aus dem Kinosessel.
Es ist ein dreifaches Hurra auf das Medium Film und eine unprätentiöse Schilderung der Bedingungen vor der Medienexplosionen. Wählscheiben, Funkgeräte, Magnetbänder. Das ist aber nicht nur dokumentarisch interessant sondern verdichtet sich zu einer trotzdem spannend erzählten Geschichte... nicht spannend im Sinne von "wie wird es wohl ausgehen" sondern im Sinne von "oh bitte lasst mich noch ein wenig in dieser gemütlichen Hektik verweilen".
Alles richtig gemacht. "Drugs are soooo baaaaaad!" Ach, recht hat der Wonneproppen. Wer braucht Drogen bei solch glückseligen Popcorn-Momenten?
8/08/2011
Play It as It Lays, Joan Didion
Hier. Von 1970, Film kam 1972. Der Titel könnte auf eine Western-Stimmung schließen lassen, auf eine Gestalt die bereits ist zum Showdown - auf der Dorfstraße oder im Kasino
Die Heldin stemmt sich gegen das Erwachsensein und scheitert. Beruflich ist sie ein Motiv für Kameras und eine auf Reinheitssimulationen ausgelegte Unterhaltungsindustrie und schon fliegt ihr mit dreißig alles um die Ohren. Dabei bietet die Tektonik von Kalifornien ein stimmiges Leitmotiv: es rumpelt in der Tiefe und Canyons tun sich auf. Der Abgrund ist nicht örtlich von der Protagonistin entfernt, sondern zeitlich. Sie kann nichts für oder gegen einen Absturz tun, denn man kann die Kante (noch) nicht erkennen. Und irgendwie ist sie bereits die Böschung hinuntergepurzelt und liegt mit offenen Brüchen im Geröll. Traumata sind zeitlos: sie haben vielleicht eine Ursache, aber die ist irgendwann egal.
Ach, die Metapher des Ortes. So kann man auch das ganze Autofahren erklären. Der Film von 1972 könnte wahrlich eine Art weibliches road movie sein... die rastlose Anti-Mutter jagt etwas und flieht vor etwas und kann gar nicht ausgewogen essen, so ohne Küche und "plumbing" (Klempnerarbeit aber auch Unterleib). Wie schrieb doch Didions unlauterer Neffe später? People are afraid to merge on freeways in Los Angeles.
Die Heldin stemmt sich gegen das Erwachsensein und scheitert. Beruflich ist sie ein Motiv für Kameras und eine auf Reinheitssimulationen ausgelegte Unterhaltungsindustrie und schon fliegt ihr mit dreißig alles um die Ohren. Dabei bietet die Tektonik von Kalifornien ein stimmiges Leitmotiv: es rumpelt in der Tiefe und Canyons tun sich auf. Der Abgrund ist nicht örtlich von der Protagonistin entfernt, sondern zeitlich. Sie kann nichts für oder gegen einen Absturz tun, denn man kann die Kante (noch) nicht erkennen. Und irgendwie ist sie bereits die Böschung hinuntergepurzelt und liegt mit offenen Brüchen im Geröll. Traumata sind zeitlos: sie haben vielleicht eine Ursache, aber die ist irgendwann egal.
Ach, die Metapher des Ortes. So kann man auch das ganze Autofahren erklären. Der Film von 1972 könnte wahrlich eine Art weibliches road movie sein... die rastlose Anti-Mutter jagt etwas und flieht vor etwas und kann gar nicht ausgewogen essen, so ohne Küche und "plumbing" (Klempnerarbeit aber auch Unterleib). Wie schrieb doch Didions unlauterer Neffe später? People are afraid to merge on freeways in Los Angeles.
8/07/2011
A Single Man, Christopher Isherwood
Hier, die Vorlage von 1964 von diesem unkonsumierten und prämierten Film von 2009. Und man bekommt das Filmposter wirklich kaum aus dem Kopf, denn es ist freilich auch Teil des konsumierten Taschenbuchs. Warum kam der Film nicht früher? Vielleicht (und die Aura von Mad Men als Zeitgeistsimulation schwingt dabei arg mit; bei der Entscheidung des Filmstudios war das vermutlich genau so) weil das Buch eigentlich Science Fiction war, damals in den 1960ern. Intellektuelle sind dort noch seltsamer, vor allem Philologen, denn die können zum space race wirklich nichts beitragen. Und dann auch noch Europäer: Altwelt-Treibgut. Und warum ist dieser zumindest zivilisierte Bürger nicht mit einer Frau verheiratet? Aha. Anderswelt-Treibgut!
Der Held schlumpft also (innerlich recht Lebowski-mäßig) durch kalifornische Ödnis und fährt dabei keinerlei politisches Konzept; er trauert um den Verlust des Partners wie man eben so trauert. Die Umwelt erscheint fader, austauschbarer in ihrer Unbekümmertheit. Der alleinstehende Herr trifft anderes Treibgut und stellt einige feine Beobachtungen bezüglich der titanischen Themen an: Belanglosigeit, Tod und Liebe treffen sich hier freilich und hinterlassen eine ungemütliche Mischung. Kurz vor Schluss holt Isherwood dann noch zu einem letzten Haken aus und semmelt ihn auch direkt auf die letzte Seite.
All Tomorrow's Parties, Jonathan Caouette
Hier und hier und hier aber nicht hier. Manche Musikfestivals sind anders als andere Musikfestivals. Dieser moderatoren- und product-placement-freie (jedenfalls ist irgendetwas anders) Konzertfilm ist ein Zusammenschnitt einiger Auftritte, die repräsentativ für etwas Unheimliches weil Totgeglaubtes stehen: eine lebendige und spannende Jugend- bzw. Musikkultur.
Das Konzept des Festivals und auch des Films öffnet sich nicht. Es steht auch nicht hermetisch da und verteidigt sich. Wacken trifft graduate school? Vielleicht. Du kommst hier net rein denn du willst hier net rein, deshalb ist die Feier hier drin so toll.
Es ergaben sich freilich viele Konsumhinweise, allen voran Seasick Steve und Lightning Bolt. Das ist ein echter Bonus.
Das Konzept des Festivals und auch des Films öffnet sich nicht. Es steht auch nicht hermetisch da und verteidigt sich. Wacken trifft graduate school? Vielleicht. Du kommst hier net rein denn du willst hier net rein, deshalb ist die Feier hier drin so toll.
Es ergaben sich freilich viele Konsumhinweise, allen voran Seasick Steve und Lightning Bolt. Das ist ein echter Bonus.
8/05/2011
Shaping Things, Bruce Sterling
Hier und hier. Sterling ist eigentlich SciFi Autor und hat hier eine sehr kompakte Arbeit über Design geschrieben, über Warenästhetik und "Zeug" im Allgemeinen. Er umschreibt die verwirrende postindustrielle Welt, die sich nicht mehr mit Produkten oder Artefakten sondern mit Gizmos und irgendwann mit Biots beschäftigt - alles Namen, die er tollkühn entwirft und verwendet. Und er tut gut daran, denn nur so werden die fundamentalen Umbrüche in der Konsumwelt deutlich: längst ist das einzelne Produkt mit Chips und Daten ausgestattet, längst spannt sich um jeden Einkaufswagen ein "Internet of Things" auf. Märkte ragen viel weiter in die zeitgemäße Lebensführung herein als je zuvor. Alles, was in den virtuellen malls und plazas gekauft und verschachert wird, trägt Daten, die mit der Umwelt in regem Austausch stehen. Längst dreht es sich nicht nur um sogenannte lifestyle-Produkte sondern eher um den den lifestyle oder -cycle der einzelnen Produkte. Blendworte wie "Nachhaltigkeit" und "Effizienz" erhalten dabei Relevanz.
Auf sehr wenigen Seiten erklärt Sterling tatsächlich moderne Wirtschaftskreisläufe. Oder er tut etwas, das den interessierten Laien davon überzeugt.
Nein, hier geht es nicht um plastisches Gestalten. Töpferscheiben bleiben im Keller. Niemand huldigt das Runde oder die Verpackungsökonomie skandinavischer Sperrholzverkäufer. Shaping Things beschreibt eine sehr mysteriöse Tätigkeit: die Gestaltung des Alltags einer Zukunft jenseits des "Like"-Buttons durch die Vernetzung von Verbrauchsgegenständen. Und der Berufsstand der Designer steht in der Mitte der Entwicklungen, laut Sterling bald mehr als je zuvor.
Endlich ein Materialimus, der frei von politischem Karneval die Welt erhellt - ähnlich erfreulich wie bei den Tausend Jahren Nichtlinearer Geschichte.
Dabei vergessen werden sollte nicht:
Auf sehr wenigen Seiten erklärt Sterling tatsächlich moderne Wirtschaftskreisläufe. Oder er tut etwas, das den interessierten Laien davon überzeugt.
Nein, hier geht es nicht um plastisches Gestalten. Töpferscheiben bleiben im Keller. Niemand huldigt das Runde oder die Verpackungsökonomie skandinavischer Sperrholzverkäufer. Shaping Things beschreibt eine sehr mysteriöse Tätigkeit: die Gestaltung des Alltags einer Zukunft jenseits des "Like"-Buttons durch die Vernetzung von Verbrauchsgegenständen. Und der Berufsstand der Designer steht in der Mitte der Entwicklungen, laut Sterling bald mehr als je zuvor.
Endlich ein Materialimus, der frei von politischem Karneval die Welt erhellt - ähnlich erfreulich wie bei den Tausend Jahren Nichtlinearer Geschichte.
Dabei vergessen werden sollte nicht:
8/01/2011
Super Sad True Love Story, Gary Shteyngart
Und die Menschen verlieben sich. Und Michiko Kakutani findet's töfte.
So eine Spielfreude ist dem Konsumenten selten untergekommen. Zum einen Immigranten-Gehusche ("Hach, was engt mich doch die Diaspora ein! Und wie toll war die Suppe in Zagreb/wherever! Und voller Trä-hä-hä-hänen!"), zum anderen urbane Eventual-SciFi wie A Scanner Darkly. Und freilich auch eine Liebesgeschichte: sowohl Er als auch Sie sind recht zerschmettertes Treibgut ihrer Zeit. Sie zeigt ihre wahren Absichten eigentlich nur im virtuellen Schutzraum von Mail und Chat und ist schon vollends von der hypersexualisierten Konsumwelt vereinnahmt. Er hadert mit seinem faustischen Job der industriellen Lebensverlängerung und der Frage nach Arbeitswert und -sinn. Beide treffen Chefs, Freunde und Verwandte und es ergeben sich die einen oder anderen Stadtneurotiker-Verflechtungen.
Also eigentlich sind das recht konservative Rollenverhältnisse, die da ihre Schatten werfen. Aber sei's drum. In dieser grotesken neuen Welt (die in der zweiten Romanhälfte auch noch von einem "internationalen Zwischenfall" erschüttert wird und doch nicht den Weg aller Spielberg-FX-Feste geht) macht diese groteske Geschichte in all ihrer Bitternis große Freude.
Dies ist ein Modebuch. Beim virtuellen Bahnhofskiosk liegt es im Schaufenster und sogar die verpeilte Neon hat es in ihren Rezensionen. Dies ist der Mainstream. Willkommen. Dies ist außerdem der 300ste Eintrag mit dem Label "Buch". Er ist auch unter dem Label "Kindle" aufgeführt. Dies könnte der Beginn einer anderen Super Sad True Love Story sein.
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